
Karma - ist wie ein alter Freund, der mir hilft, zu wachsen
Sie ist elf, als sie verheiratet wird - mit einem Mann von 35 - der sich nicht lange zurück hält. Er misshandelt und vergewaltigt sie immer wieder und jagt sie, nachdem sie den Widerstand gegen ihn nicht aufgeben will, aus dem Haus. Die eigene Familie legte ihr den Freitod nahe, um die Familienehre wiederherzustellen. Schließlich wird sie einer Tat beschuldigt, die sie nicht begangen hat und kommt ins Gefängnis, wo sie tagelang von Polizisten missbraucht wird, bis man sie ohne Anklage oder Gerichtsverhandlung wieder davon jagt.
Um ihrer Familie das Land zu erhalten, das sie ernährt, muss sie sich den Eigentümern gegenüber prostituieren. Kurz darauf wird sie von Räubern verschleppt, gefoltert und vergewaltigt. Schließlich wird der Anführer von einem Bandenmitglied erschossen - und zum ersten Mal wird sie und fühlt sie sich auch anerkannt. Der neue Anführer wählt sie sich zur Frau und führt mit ihr die Bande. Zwei Jahre lang ziehen sie durch die Gegend, rauben, plündern … und übt sie blutige Rache, wo sie nur kann. Doch dann dreht sich das Schicksal wieder. Ihr Mann wird von zwei anderen Bandenmitglieder ermordet, sie selbst ihrer Kleider beraubt, tagelang nackt durch Dörfer getrieben, und dort jedem, der will, zum beliebigen Gebrauch zur Verfügung gestellt. Ein entsetzliches Martyrium, bis ihr endlich von einem Priester zur Flucht verholfen wird.
Wieder schließt sie sich mit anderen zu einer Räuberbande zusammen und übt über Jahre blutige Rache. Sie liefert sich regelrechte kriegerische Auseinandersetzungen mit der Polizei und den Militärs und verantwortet in einem der Dörfer ein Massaker, bei dem es heißt, sie selbst habe 22 Menschen umgebracht. Ihr Hunger nach Rache scheint grenzenlos.
Schließlich ergibt sie sich einem Unterhändler Indhira Gandhis und geht für viele Jahre, ohne Anklage, ohne Gericht, ins Gefängnis, aus dem sie erst begnadigt wird, als sie an Krebs erkrankt ist. Als sie das Gefängnis verlässt, hat sie sich verändert. Noch immer kämpft sie für die Rechte der ärmsten der Frauen in den niedersten Kasten Indiens. Aber sie kämpft friedlich, unblutig und ohne Waffen - wird 1996 und 1999 sogar ins indische Parlament gewählt. Am 25. Juli 2001, am hellichten Tage, wird Phoolan Devi schließlich vor ihrem Haus erschossen.
Zwei Ideen beherrschen im wesentlichen das Denken der Menschen. Schicksal oder Nihilismus. Schicksal, so die Meinung vieler, bedeutet, dass man seinen Weg gehen muss. Was geschieht, geschieht weil Gott es so in seiner grenzenlosen Weisheit gefügt hat. “Wen Gott liebt“, heißt es, “den züchtigt er.” Und dieser Idee folgend hatte Phoolan Devi, die Königin der Räuber, wie sie auch genannt wurde, nie eine wirkliche Chance, ihrem Schicksal zu entkommen … es war eben Schicksal! Nur Gott selbst weiß, warum oder wofür.
Nihilisten wiederum, es gibt nur wenige, glauben, dass es keinen Zusammenhang zwischen Handlungen und Ergebnissen gibt. Das Leben ist Zufall und Phooolan Devi hat demnach wohl außerordentlich schlechte Karten gezogen - aber einen muss es ja schließlich treffen. Ich persönlich aber glaube, dass kaum jemand mit dieser Sicht des vollkommenen Zufalls leben kann. Die meisten Menschen sind auf der Suche nach einem Sinn in ihrem Leben - und finden ihn auch mehr oder weniger in ihrer Religion oder in ihrem ganz persönlichen Glauben.
Ich persönlich glaube an Karma. Karma ist in Eckankar, meiner Religion, der Name für das Gesetz von Ursache und Wirkung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es offenbart unsere Art zu denken und zu handeln, unsere Überzeugungen und Haltungen, indem es daraus Situationen baut. Was uns widerfährt ist also nichts vom Himmel Geschicktes, sondern Hausgemachtes. Aber wozu soll das gut sein?
Ich persönlich betrachte Karma wie einen alten Freund, der ständig bemüht ist, mich in Situationen hinein zu führen, in denen ich etwas über meine Einstellungen, meine Art zu denken oder zu fühlen lernen kann - also über das, wie ich im Innersten funktioniere. Ich gebe zu, dass ich manchmal ein ziemlich langsamer Lerner bin, aber da Karma ein wirklich guter Freund ist, werden die Situationen immer wieder kommen - bis ich (plötzlich) in mir etwas erkennen und loslassen kann, das ich irgendwann, vielleicht vor sehr langer Zeit, gedacht und tief in mir als Überzeugung und Muster abgespeichert habe. Das ist dann der Punkt, an dem ich plötzlich einen Durchbruch habe, an dem mir etwas gelingt, was ich vielleicht sehr lange versucht habe - oder es ist ein Punkt, an dem ich ein Ziel hinter mir lasse von dem ich erkannt habe, dass es nutzlos, oder sogar schädlich ist.
Schon alleine deshalb ist es so wichtig, Ziele und Träume zu haben. Immer wieder wird man auf dem Weg dorthin an etwas hängen bleiben. An etwas, was einem einfach nicht gelingen will. An Ereignissen, die uns von unseren Zielen abhalten. An persönlichen Unzulänglichkeiten, wie mangelnder Disziplin, fehlender Geduld und Ausdauer, oder weil wir noch nicht genügend Stärke entwickelt haben. Das sind genau die Einsichten und Durchbrüche, um die es meiner Meinung nach im Leben geht. Sie öffnen riesige Tore zu mehr Freiheit, Gelassenheit und Liebe. In meiner Religion nennt man das: Hin zu Gott …
Es lohnt, sich Ziele zu setzen, Risiken einzugehen und seinen Traum zu leben. Ganz sicher.

#1 by Anne on Dienstag, 21. April 2009
Zitieren
Hallo Raimund,
das ist wirklich eine interessante Sichtweise von “Karma”. Während ich gerade das Lied “Hard to say I’m sorry” von Chicago höre und den Artikel lese, frage ich mich, worum es hier wirklich geht. Meiner Ansicht nach geht es um Erfahrung. Man tut etwas und erzeugt eine Wirkung. Man ist - wie in dem Beispiel in dem Artikel - mal Opfer und mal Täter. Irgendwann, nach vielen Inkarnationen, wird einem dann vielleicht bewusst, dass es Zeit ist zu sagen: “I’m sorry”, um mit dem Titel des Liedes zu sprechen. Dann beginnt man zu begreifen, dass es noch ein Gesetz gibt, das über dem Gesetz des Karma steht: Das Gesetz der Liebe. Wenn man nach dem Gesetz der Liebe lebt, dann lebt man - meiner Meinung nach - aus dem Herzen, reflektiert mehr über die Dinge, die man tut und “erzeugt” andere Wirkungen, als vielleicht viele Inkarnationen zuvor. Das heißt letztendlich auch, dass man beginnt, seine Träume zu leben, wie du ja auch so schön beschrieben hast.
Toller Artikel, auch wenn er auch ziemlich gruselig
Aber so ist nun mal das Leben…
beginnt
Herzliche Grüße
Anne
#2 by Raimund on Dienstag, 21. April 2009
Zitieren
Hallo Anne,
ich glaube, an der Oberfläche von Karma ist es genau so, wie du sagst: Man tut etwas und erzeugt damit Wirkung, man setzt sich ein Ziel und erreicht es. Aber unter der Oberfläche bleiben dabei Kernfragen unangetastet wie zum Beispiel: Warum setze ich mir gerade dieses Ziel … und kein anderes? Bin ich arm oder denke ich nur, dass ich arm bin?
Wenn ich arm bin und reich sein möchte, dann ist “reich werden” ein gutes Ziel dann, wenn man sich selbst im Inneren vertraut … weil man dort Reichtümer wie Talente etc. findet und nach draußen bringt. Man IST also reich, bevor man reich wird …
Wenn ich arm bin, weil ich den eigentlichen Reichtum nicht sehen kann, dann führt ein Ziel wie, ich will reich werden, zum Gegenteil! Ich bin reichen Menschen begegnet, die sehr arm sind. Im Ernst. Geiz, zum Beispiel, ist oft ein Zeichen innerer Armut. Gerade in dieser Situation ist ein Ziel, reicher zu werden, fast nicht erreichbar, weil man den Reichtum nicht wirklich annehmen und sehen kann, der Geiz verhindert das - egal wieviel Geld man anhäuft. In diesem Fall ist das Setzen des Ziels das eigentliche Karma …
#3 by emg on Donnerstag, 23. April 2009
Zitieren
Ich danke Dir für Deine klare Benennung von Träumen und Zielen.
Eine junge Frau erzählte mir neulich, jemand habe sie nach ihren Zielen gefragt. Sie reagierte unwillig und wollte mir wohl vermitteln, dass sie doch gar keine Ziele (Träume) habe. Da war ich aber überrascht. Ich kann sehr wohl ihre Ziele wahrnehmen. Sie selbst aber offensichtlich nicht. Und das scheint mir oft ein Problem zu sein. Viele Menschen können ihre Träume gar nicht benennen. Sie sind ihnen selbst verborgen. Sie agieren aus einer tieferen Schicht. Erfolgreicher wären sie, wenn es ihnen gelänge, sich ihre Träume bewusst zu machen. Na, da empfehle ich einfach diesen Blog.
Möchte sonst noch jemand etwas dazu sagen?