Der See ist wie ein Spiegel deines Selbst

Bleib' so lange, bis der Frieden wieder in dir ist ... bis deine Gedanken so still und klar sind, wie die Oberfläche dieses Sees und du ihnen hinterher schauen kannst, wie den Vögeln, die durch die Lüfte segeln.

Diesen Weg war ich in den letzten Tagen oft gegangen.  Vorbei am alten, verlassenen  Kloster, durch den kleinen Kräutergarten, Vordertür -  Hintertür, den schmalen Waldweg hinauf bis zur Weggabelung und dann eigentlich nach links zur Lichtung.  Nur dieses mal stand er schon hier und wartete auf mich.  Wie immer lächelte er freundlich und warmherzig, während das Licht in seinen Haaren schimmerte.

„Wir gehen heute hier lang,“  sagte er und wies mich in die andere Richtung.

Der Weg wand sich sanft nach links um den Berg herum, fiel dann leicht ab und führte schließlich am See entlang, dessen Oberfläche sich wie ein riesiger Spiegel schier endlos ausdehnte.

Durch meinen Kopf gingen tausend Gedanken und in meinem Bauch brodelten Zorn und Ungeduld.  Ich hatte kaum ein Auge für die majestätische Schönheit, die mich überall umgab.  Mein Geschäft ging gut.  Sehr gut sogar - zu gut.  Es ging so gut, dass es mich mit Haut und Haaren auffraß, mich wie einen Hamster in ein turbogetriebenes Laufrad zwängte und an nichts anderes mehr denken ließ, als an Kunden, Lieferzeiten, Abrechnungen etc.

Schließlich blieben wir stehen, und sofort wurde es in meinem Kopf ein bisschen stiller.  Mein Bauch entspannte sich und mein Blick streifte über den silbrig glitzernden See, bis er sich an einem Felsen verfing, der etwas weiter draußen im See lag.  Genau auf dem Scheitel des Felsens hatte eine Quelle ihren Weg nach draußen gefunden und ließ ihr Wasser ringsum über den alten Stein herunter in den See gleiten - so sanft und weich, dass sich dessen Oberfläche nicht mal kräuselte.  Ein sanft flüsternder Wind wehte durch die Bäume vom Berg herab und trug den Duft von warmem Tannenharz zu mir, der die Musik des Windes mit der Musik des leise strömenden Quellwassers verband und mich besänftigte und beruhigte.

Mit einem mal vergaß ich Fubbi, der neben mir stehen geblieben war, ich vergaß den Weg, den Berg, den Wald, ich vergaß mein Geschäft, die Kunden - ich vergaß alles um mich herum.  Ich streifte meine Sachen ab und glitt ins Wasser, das so unbeschreiblich warm und kalt zugleich war, so süß schmeckte, so erfrischend und belebend war …  In nur einer halben Sekunde war ich wieder zu einem unbekümmerten Jungen geworden, der durchs Wasser schwamm, rüber zum Felsen, sich im herabströmenden Quellwasser berauschte und dort ein oder zwei Leben lang einfach stehen blieb.  Schließlich schwamm ich wieder zurück ans Ufer, wo Fubbi Quantz, mein guter alter Freund auf mich wartete.  Er legte ein großes Tuch um mich herum und hielt mich einen Augenblick im Arm, wie ein Vater seinen Sohn.

„Wie fühlst du dich jetzt?“ fragte seine sanfte Stimme.

„Unbeschreiblich,“ antwortete ich.  Fubbi Quantz lächelte milde und das Licht in seinen braunen Augen leuchtete wie die Sonne auf dem See.

„Wann immer deine Gedanken tosen wie Wasserfälle und deine Gefühle versuchen,  dich festzuhalten, komm’ hier her an diesen See!  Geh’ ins Wasser und dann hinüber zur Quelle.  Bleib an der Quelle und hör’ einfach nur zu. Bleib’ so lange, bis der Frieden wieder in dir ist … bis deine Gedanken so still und klar sind, wie die Oberfläche dieses Sees und du ihnen hinterher schauen kannst, wie den Vögeln, die durch die Lüfte segeln.“

Er ließ mich los und ich drehte mich um.  Der See war so still und so klar, als hätte ihn seit tausend Jahren nichts mehr gestört.  Mein Herz vibrierte vor Glück und eine Kraft durchströmte mich, die ich schon so lange vergessen hatte.

„Der See ist wie der Spiegel deines Selbst.  Du kannst ihn nicht mit der Hand glatt streichen.  Du kannst nichts in ihn hinein werfen, um ihn zu beruhigen.  Alles was du tun kannst, ist, zur Quelle zu gehen und vertrauen …“

Dann wachte ich aus der Kontemplation auf, staunend über dieses Erlebnis, aufgeregt, glücklich und wieder voller Zuversicht.  Ich dachte an Fubbi Quantz, meinen alten Freund, mit seinen langen weißen Haaren, seiner sanften Stimme und seinem unbeschreiblichen Charisma.  Ich saß in meinem Büro, es war still, ich war alleine - aber Fubbis Gegenwart blieb noch eine Weile um mich herum, ohne dass ich ihn noch hätte sehen oder hören können.

„Loslassen,“ dachte ich, „ist etwas, was sich ergibt, wenn man die Quelle, den Tonstrom findet.  Man kann es nicht tun - und doch kann man es … “

Wenn man seinen Traum leben will, braucht man eine Möglichkeit, sich aus den Haken und Ösen des Augenblicks - wenn auch nur für ein paar Minuten - zu befreien, um sich wieder mit der Idee unseres Traumes zu verbinden.  Die Kontemplation ist eine solche Möglichkeit.  Ich weiß nicht, wie das in Ihrem Glauben ist.  Vielleicht suchen Sie dazu das Gebet in der Stille einer Kirche, den Duft von Weihrauch, das Läuten der Glocken oder die Stille der Meditation.  In meiner Religion suchen wir die Erfahrung von Licht und Ton in der Kontemplation. Wir sitzen entspannt, schließen die Augen, lassen unsere Aufmerksamkeit sanft auf dem dritten Auge ruhen, einer Stelle etwa zwischen den Augen, und singen dann, ganz sanft und ohne Absicht, das HU, ein altes Wort für Gott. Wenn Sie das auch mal versuchen, seien Sie nicht allzu überrascht, wenn Sie plötzlich so tief in der Kontemplation versinken, dass Sie Ihren physischen Körper verlassen und auf einen dieser Heiligen oder Meister treffen, wie Fubbi Quantz, Rebazar Tarz oder Wah Z(ee).

Nur, leider geschieht es allzu oft, dass wir in der Hektik des Alltags, unter der Last der Sorgen, den Verpflichtungen oder Versäumnissen vergessen, welche Hilfen uns zur Verfügung stehen:  Wir vergessen die Stille der Kirche, die Kraft des Gebets, die heilende Wirkung der Kontemplation.  Wir leiden dann ganz ohne Not …