meu mundo 448

Im Buch des Lebens leben viele Geschichten ...

Bitterkalter Wind, zehn Tage bis Weihnachten.  Die Turmuhr schlägt.  Reges Treiben, Kommen und Gehen.  Ich dränge mich an wartenden Müttern vorbei nach drinnen.  Unser Junge ist schon fertig angezogen.  Hinter mir hektische, polternde Schritte.  Auf dem Weg nach draußen wieder, jetzt in die andere Richtung.  Diesmal sind es zwei Leute.  Sie rennen wie von Furien gejagt.  Mein Blick folgt ihnen auf den Spielplatz und mein Gefühl schlägt Alarm.

„Warte mal kurz,“ sage ich zu meinem Jungen und folge ihnen auf den Spielplatz.

Leute bilden einen staunenden, hilflosen Kreis.  Ich dränge mich vorbei, suche nach dem Puls des kleinen Mädchens, das leblos weiß auf einer Bank liegt.  Kein Puls!  Kein Atmen!  Kein Herzschlag!

Ich nehme sie von der Bank auf einen Tisch.  Herzmassage.  Beatmen.  Immer im Wechsel.  Aber sie ist weg - schon gegangen. Nur ihr Körper ist geblieben.  Ich rede mit ihr.  Aber sie ist weg.  Sie kann mich nicht mehr hören.  Die Leute helfen, massieren die kleinen Beine, schieben das Blut zum Herz,  versuchen verzweifelt, es wieder anzukurbeln.  Aber sie ist weg - sie war schon weg als ich gekommen war.

Mein Briefträger, Mormone, sagt, wir sind körperlose Wesen. Engelsgleich.  Bestimmte Erfahrungen können wir nur als Menschen machen und deshalb werden wir als Menschen geboren.  Manche brauchen  nur ganz wenige Erfahrungen und sterben deshalb schon im Kindesalter.  Senecca sagte, wir sterben, weil wir leben.  Ich meine, wir leben, weil Gott uns liebt.  Und wir hören nie auf, zu leben.

Wir sind Seele und haben einen Körper und wir erzählen mit und durch unseren Körper eine Geschichte.  Unsere Geschichte.  Die Geschichte, die wir erzählen, ist die Rolle, die wir auf der Bühne des Lebens spielen.  Wir sind Schmetterlinge, die Geschichten entschlüpft sind, um sie nachzuspielen.   Es sind Träume, die wir leben!

Wir spielen Rollen, die erzählen, was wir glauben zu sein. Und wir spielen mit großer Hingabe!  Die Seele taucht in diese Rolle ein und lebt sie.  Mit all der Liebe, die SIE ist.  So sehr, dass SIE sich völlig darin verliert und zu der Rolle wird, die SIE spielt.

Manche spielen die Rolle des klassischen Opfers:  Egal, was passiert, man spielt, als könne man nichts ändern,  als ob alles Bestimmung ist und so sein muss!   Andere spielen die Rolle des Haifisches:  Hart kämpfen, entschlossen zubeißen - sonst wird man gefressen oder verhungert.  Sie begegnen dem Tod mit Verzweiflung.  Und wieder andere spielen die Rolle des Helden, der den Sinn des Lebens darin sieht, für sein Ideal zu sterben …

Wir erzählen viele Geschichten und alle sind miteinander verknüpft. Jede Geschichte, die wir erzählen, ist mit einem Körper verbunden.  Der Körper ist unser Werkzeug, die Geschchten zu erzählen, und wenn das Werkzeug kaputt, die Geschichte aber noch nicht zu Ende erzählt ist, suchen wir uns ein neues Werkzeug, einen neuen Körper  - wie ein Schriftsteller, der ein neues Blatt Papier in seine Schreibmaschine spannt - und erzählen von dort aus weiter …

Welche Geschichte erzählen Sie?

rk-f