
Einer unter vielen macht den Unterschied
Geht es Ihnen nicht auch so, dass Sie, wenn Sie ein bisschen in Träumen schwelgen, gerne an Statussymbole denken? Sich dann vielleicht eine Fahrt im schicken neuen Auto vorstellen? Oder Gäste im neuen Haus begrüßen? Warum nicht, wenn es inspiriert?
Ich glaube aber, dass solche Träume dennoch genug Sprengstoff in sich tragen, den Graben zwischen sich und Ihren Zielen größer zu machen, denn irgendwann wachen Sie aus dem Tagträumen auf, und es kann sehr gut sein, dass der Alltag danach noch grauer wirkt als vorher.
Die Frage, die sich aus meiner Sicht viel dringender stellt, ist nicht die nach dem Haben, sondern nach der Art zu leben! Können Sie glücklich sein, ohne Statussymbole … einfach nur, weil Sie leben? Oder, umgekehrt gefragt: Wie wird sich Ihre Art zu leben ändern, wenn Sie Ihre Ziele erreicht haben?
Vor Jahren lernte ich einen neuen Kunden kennen. Er bewohnte mit seiner Frau ein klitzekleines Häuschen mitten auf dem Werksgelände einer kleinen Fabrik und war der typische Hausmeister alten Schlages, der als erster morgens das Werkstor aufschiebt, und als letzter am Abend alles wieder zuschließt. Grauer, langer Arbeitskittel, schwere Hände, freundliches Gesicht. Und doch war er anders.
Er führte mich die kleine Treppe hinunter und je weiter ich in seinen Keller kam, desto weiter stand mir der Mund offen. Alte Schränke, Baujahr 1875 oder älter, einer schöner als der andere, wie neu und wie hingemalt. Unglaublich!
„Die sind alle geerbt,“ sagte er und lächelte. „Von einigen hab’ ich sogar die Kaufquittung im Original.“ Mir verschlug es die Sprache. Richtige Schätze standen hier in seinem Keller, und kein Mensch bekam die zu sehen.
Oft begegnet bin ich diesem freundlichen Hausmeister nicht, aber wenn, dann war es toll, den einen oder anderen Schrank aufzumachen und reinzugucken, einfach um zu sehen, wie man früher Möbel gebaut hat, oder um sich die alten Kaufquittungen anzuschauen. Früher hatte man die von Hand in feinster, geschwungener Schrift ausgestellt: Die Eheleute Franz und Maria Lautermann, stand da zum Beispiel, haben heute anlässlich ihrer Eheschließung einen Schrank für die Schlafkammer zum Preis von XY gekauft. Hinreißend!
Dann kam der Tag, als er in Ruhestand ging.
„Ich bin fast siebzig, da ist es jetzt langsam Zeit. Und da dies eine Werkswohnung ist, muss ich hier ausziehen.“
„Und,“ fragte ich ihn, „was machen Sie jetzt? Ziehen Sie in ein Seniorenstift? Was werden Sie mit den Schränken machen?“
Er schaute mich an, als ob ich den Verstand verloren hätte.
„Seniorenstift?“ fragte er verzweifelt und runzelte die Stirn. „Geht’s Ihnen noch gut?“
Ich suchte nach einem Satz, um die Situation zu retten, aber er kam mir zuvor.
„Was soll ich in einem Seniorenstift? Quatsch. Ich werde ein Haus bauen! Das wollte ich schon mein ganzes Leben lang, ich hatte nur nie Zeit!“
Wenn ich beim Anblick seines Kellers kurz vor der Fassungslosigkeit gewesen war, jetzt hatte ich sie erreicht. Seine Augen blitzten unternehmungslustig und ich hatte den Eindruck, er habe tatsächlich noch was vor, und als ich ihn das nächste mal traf, stand tatsächlich das Richtfest vor der Tür. Ein nettes Haus, wie ich sehen konnte. Nicht klein, aber auch nicht riesengroß, und für jeden seiner Schränke hatte er einen besonderen Platz geplant.
Ein halbes Jahr nach meinem Rundgang durch den Rohbau lernte ich seine Frau kennen.
„Wie geht es Ihrem Mann,“ fragte ich sie und sah plötzlich dicke Tränen aus ihren Augen kommen.
„Er ist gestorben,“ sagte sie kehlig und rang sich trotzdem ein Lächeln ab, und als sich die Bestürzung in meinem Gesicht zeigte, schüttelte Sie nur den Kopf.
„Nein, nein,“ sagte sie immer noch kehlig, „Sie haben ihn ja gekannt. Er war der glücklichste Mensch auf dieser Welt. Das Haus zu haben, interessierte ihn nicht so sehr und er hat auch den Einzug hier nicht erlebt. Aber es fertig gebaut zu haben, das war ihm wichtig und das hat ihn noch glücklicher gemacht. Als er starb, starb er mit einem Lächeln im Gesicht, genau so, wie er gelebt hat … und er fehlt mir so sehr … “
Überrascht hat er mich dann noch ein drittes Mal, dieses mal durch einen neuen Kunden.
„Ach, Sie kannten ihn auch?“ fragte ich. „Das war ein wirklich netter Mann. Der war doch der Hausmeister dort, oder?“
Mein neuer Kunde schüttelte den Kopf. „Nett war der, sogar sehr nett, und jeder hat ihn gemocht, obwohl er auch sehr streng sein konnte. Aber Hausmeister war er nicht. Seiner Schwester und ihm hatte die Fabrik gehört - bis er sie dann für siebzig Millionen verkauft hat und in Ruhestand ging …“
Seinen Traum zu leben ist viel mehr wert, als etwas zu haben, das man vorzeigen kann …
rk-f

#1 by Anne on Samstag, 21. Februar 2009
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Hi Raimund,
das ist wirklich eine wunderschöne Geschichte, die das Herz öffnet und die zeigt, was wirklich zählt. Besser als mit den Erlebnissen dieses “Hausmeisters” kann man es nicht ausdrücken.
Liebe Grüße
Anne