Auch Landschaften sind lebendige Träume

Auch Landschaften sind lebendige Träume

In diesem Herbst besuchte ich zum ersten Mal den Staat Washington. Könnte sein, dass dies meine neue Leidenschaft wird. Ich hatte zuvor schon des öfteren aus dem Flugzeug auf dieses Land geschaut auf dem Weg von Frankfurt nach San Francisco. Immer schon dachte ich, dass es eines Geologen bedarf, um diese Landschaft und ihre Strukturen zu deuten. Es sieht phantastisch aus. Und wie kurz zuvor gerade vom Schöpfer erschaffen.

Und dann dieses Land von Angesicht zu Angesicht. Der Osten von Washington  besteht aus rollenden Hügeln. Sanft löst ein kleinerer Hügel einen größeren ab, es geht rauf und runter und runter und rauf.

Ich habe in Erfahrung gebracht, dass das Untergrundgestein Basalt ist. Der ist schwarz und vulkanischen Ursprungs. Darüber hat der Wind fruchtbaren Löß geweht. Es ist eine Landschaft, die der Wind geformt hat. Aber nach dem Wind kam der Mensch. Und er hat aus dieser Naturlandschaft eine Kulturlandschaft geschaffen. Und es ist ihm großartig gelungen. Alle diese Hügel und auch Täler (denn kein Hügel ist ohne Tal) tragen riesenhafte Felder. Ihre Bearbeitung hinterlässt zauberhafte Strukturen, die durch die jahreszeitliche Prägung noch verstärkt werden. Man steht auf einem Hügel und kann trunken werden von der Schönheit und Wirkung dieser Landschaft.

Und jetzt stellen Sie sich vor, dass es Menschen gegeben hat, die eine Vision von fruchtbarer Erde und ihren Erträgen hatten und begannen, die Erde sanft umzuformen und sich ihrer Früchte zu bedienen. Das geschah ja erst in der zweiten Hälfte des vorletzten Jahrhunderts. So vor 130/140 Jahren. Sie brauchten Arbeitskräfte, Tiere und Maschinen, die ja noch alle ohne Motoren arbeiteten. Wenn Sie auf einem dieser Hügel stehen, werden Sie nicht glauben wollen, dass Menschen mit einfachen Maschinen und Tieren dieses Unterfangen denken, planen und vor allem  ausführen konnten. Ihre Begeisterung über die fruchtbaren Böden muss sie zu diesen grandiosen Taten geführt haben. (Man denke nur an die zum Teil armen Böden in Europa oder die mageren Böden, die die ersten Siedler im Osten Amerikas vorfanden.)

Heute rasen Machinen über dieses Land, die aus einer anderen Dimension zu kommen scheinen, so riesig sind sie. Ich sprach mit einem dieser Arbeiter/ Maschinisten/ Farmer. Er reparierte gerade etwas an einem dieser Ungetüme. Eine Art spitzer Haken , wahrscheinlich nur handgroß, lockert den Boden auf. Durch einen Pressluftschlauch wird Dünger eingebracht und darüber, wiederum durch einen Pressluftschlauch, die Samen. Darüber fährt dann ein Gummirad und drückt den Samen an. Schade, dass ich die vielen Saatreihen nicht gezählt habe. Dann könnte ich mir die tatsächliche Breite besser vorstellen.

Ein Freund erzählte mir, dass diese Maschinen jetzt von Robotern gesteuert selbständig fahren können, mit einer Art GPS, also Satelit gesteuert. Na, wie finden Sie das?

Ich finde es schaurig/schön. Aber dieses Land und die Menschen, die Bauern faszinieren mich. Sie glauben an etwas.

Wir waren an einem der noch ungewöhnlich warmen Novembertage in einem dieser (heute) winzigen Orte mitten in der Prärie. Eine ehemalige, umgebaute Tankstelle bot eine Suppe zur Lunchzeit an. Wir saßen draußen und glauben Sie mir. Wir saßen an der Hauptstraße/Kreuzung dieses Ortes und da fuhr mehr als 5 Minuten lang kein einziges Auto vorbei. In keiner Richtung. Dann einmal, fast gespenstig, ein riesiger Lastzug mit riesigen Behältern, in denen vielleicht Weizen war. Das Hotel nebenan ist verlassen und verfällt. Gegenüber steht die einstmals prächtige Bank. Heute ist es eine Galerie und Bar, zu der wohl am Wochenende Besucher kommen. Wir waren die einzigen Gäste und nahmen dort den Kaffee ein. Es ist ein völlig heruntergekommenes Gebäude, das auch so belassen wird.  Die Feuchtigkeit hat lange, tränende Spuren in der Tapete hinterlassen. Aber es stehen überall gedeckte Tischchen, auch im ehemaligen Tresorraum. Das Geschirr wirkt edel, die Spitzendecken sind ungebügelt, aber es wirkt gewollt und unglaublich aus der Zeit. Ich sage das, weil ich dort das Gefühl hatte, aus der Zeit gefallen zu sein.

Es hat etwas. Sie können auch dort den amerikanischen Traum fühlen. Es gab eine Zeit, in der dieser Ort den Traum lebte und seinen Träumern Raum bot und jetzt eben nicht mehr. So ist das. Die Häuser sind oft aus Holz gebaut. Sie werden benutzt und eben auch wieder verlassen, wenn sich die Gegebenheiten ändern.

Der Traum ist nicht an einen Ort gebunden. Und auch nicht an ein Objekt. Aber an einen Menschen, der ihn aufgreift und in die Welt bringt.