
So manche Perspektive bleibt uns verschlossen, weil sie uns nicht betrifft.
Ich hab ein bisschen in alten mails gekramt, weil ich auf der Suche nach etwas war. Kennen Sie das? Man hat so ein unbestimmtes Gefühl. Man weiß gar nicht genau, was man sucht, aber irgendwie doch? Jedenfalls stöberte ich durch alte mails und stieß auf eine Geschichte, die einem Freund passierte, genauer gesagt einer Freundin dieses Freundes
Diese Freundin lebte in Australien, war verheiratet und hatte ein Kind, aber wie es schien, war die Ehe nicht sehr glücklich. Der Mann trank …
Aber nur, weil der Haussegen überwiegend schief hängt, heißt das ja nicht, dass man sich deshalb nie mehr versteht. Es gibt solche und solche Zeiten und irgendwie wissen beide, dass das nicht mehr lange hält - was sie aber nicht davon abhält, manche Nächte doch in Harmonie zu verbringen. Dann aber dämmert der Morgen, die Sonne lachte durch das Fenster und mit den Schatten der Nacht verschwindet auch die Sorglosigkeit - und der Streit geht von vorne los. Wie gesagt, beide wissen, dass das nicht mehr lange geht.
In diesem Falle war es der Alkohl und die damit verbundene Unzuverlässigkeit ihres Mannes, die Susan, so nenne ich sie jetzt einfach mal, oft auf die Palme brachte. Immer wieder nahm er sich das letzte Geld und brachte es in die Bars. Wenn er wieder Arbeit hatte und Zahltag war, kam er auch mal zwei Tage und Nächte lang nicht nach Hause, und wenn er dann kam, war die Hälfte des Zahltages weg, wenn nicht mehr - und oft auch der Job.
Eines Tages erfuhr sie, dass sie wieder schwanger war. Es trieb ihr den Schweiß auf die Stirn. Mit ihm an ihrer Seite war das nicht zu machen, das war Susan sofort klar. Wenn sie denn wirklich das Kind behalten wollte, und das wollte sie, dann musste er gehen. Und das würde nicht einfach werden. Und schon gar nicht durfte er erfahren, dass sie schwanger war. Sie wartete bis zum Abend, fand aber den Mut nicht. Sie wartete auf den nächsten Abend, aber er war so nett, sie brachte es nicht übers Herz. Sie wartete auf den dritten Abend, aber wann immer tagsüber versucht hatte, nach einer anderen Lösung zu suchen, sie fand keine. Er musste gehen! Schließlich, an eben jenem dritten Abend, sagte sie es ihm beim Abendbrot und sie sagte es ihm so, dass es ganz unmissverständlich war. Erst blieb er eine Weile still, dann warf er den Stuhl gegen den Küchenschrank und verließ zornig das Haus, nur mit einer Tasche unterm Arm, in die er ein paar Kleinigkeiten gepackt hatte.
Sie weinte, aber die Tränen, die sie vergoss, waren nicht nur Tränen der Trauer, es waren auch Tränen der Erleichterung. Jetzt war es nur ein noch bisschen, bis die Sonne wieder aufgehen würde über ihrem Leben. Die gemeinsame Tochter, die sie miteinander hatten, schlief tief und fest und hatte nichts von diesem Streit mitbekommen. So war also erstmal alles gut.
Am nächsten Morgen, die Sonne strahlte hell aus dem azurblauen australischen Himmel, wischte sich Susan den Schlaf aus den Augen. Ihr Herz klopfte los, als sie sich an den Abend zuvor erinnerte, aber dann sagte sie sich, es wird schon alles gut! Er würde ein paar Tage saufen und irgendwann anrufen, es würde noch ein paar hässliche Auseinandersetzungen um die Tochter geben, aber es würde sich alles regeln. Gegen halb elf Uhr am Vormittag klingelte das Telefon. Mit klopfendem Herzen nahm sie ab und erwartete einen brüllenden Mann. Es meldete sich aber eine Frau, es war die Sprechstundenhilfe ihres Hausarztes, der sie zu sich in die Praxis bat.
“Um Gottes Willen,” war ihr erster Gedanke, “es wird ihm doch nichts passiert sein.” Dann fiel ihr das Baby ein, das in ihrem Bauch heran wuchs. “Ist etwas mit meinem Kind?”
Sie fuhr in die Praxis und ihr Herz schlug bis zur Kehle. Der Arzt ließ sie gleich hinein und bot ihr einen Platz an.
“Ich habe den Befund erhalten,” sagte er mit finsterem Blick, während er sich hinsetzte und ihr fest in die Augen sah. “Sie haben Krebs!”
Susan stürzte ins Bodenlose. Die Tests! Sie hatte Tests machen lassen - die hatte sie ganz vergessen!
Tränen quollen aus ihren Augen und ihre Kehle schnürte sich zu. Kehlig und kaum verständlich, flüsterte sie: “Und das Baby?”
Sie fuhr nach Hause, ohne etwas von dem Weg zu sehen, auf dem sie fuhr. Wie eine Schlafwandlerin taumelte sie ins Haus und ihre Gedanken sprangen von ihrer Tochter, die in der Schule war, zu ihrem Baby, das in ihrem Bauch war. Drinnen setzte sie sich und weinte sich alles aus den Augen. Bis das Telefon klingelte. Apathisch nahm sie ab. Es war die Bank. Der Banker teilte ihr mit, dass ihr Mann das ganze Konto leergeräumt, und auch das Sparbuch gekündigt hatte - er wollte wissen, wovon sie gedenke, die Hypothek in Zukunft zu bezahlen.
Sie legte auf. Ihr Gesicht hatte keine Farbe mehr und ihr Kopf war leer. Kein Gedanke mehr, kein Geräusch mehr, gar nichts mehr. Sie wurde still und starrte an die Wand.
“Warum?” fragte sie nach einer Weile in die Stille hinein, “warum?” Aber sie fand keine Antwort. Alles was ihr blieb, war sie selbst. Der Arzt hatte ihr wenig Hoffnung gemacht, von da war also keine Hilfe zu erwarten. Ihr Mann? Der würde nicht lange durchhalten, wenn die Tochter bei ihm wäre. Das Saufen war ihm einfach wichtiger. Es musste eine andere Lösung her: Ihre Eltern.
Ihr ganzes Leben lang hatte sie keine wirklich gute Beziehung zu ihnen gehabt - vor allem ihres Vaters wegen. Andererseits waren es ordentliche Menschen. Ihre Tochter würde es gut bei ihnen haben. Sie musste anrufen.
Schon beim zweiten Klingeln wurde abgenommen. Ihre Mutter war am Telefon.
“Susan?” hörte sie die tränenkehlige Stimme der Mutter, “woher weißt du schon …?”
Susan verstand nicht.
“Weiß ich was?”
“Das Papa gestorben ist …”
Susan holte ihre Tochter von der Schule und machte sich auf den Weg, das zu regeln, was zu regeln war.
“Es hat eine Weile gebraucht,” schrieb sie meinem Freund in ihrer mail.
“Es hat eine Weile gebraucht, bis ich das annehmen konnte, aber, so seltsam es klingen mag, es hat mir die Fähigkeit gebracht, zu lieben – zu lieben was ich hatte! Es wertzuschätzen, solange ich es hatte. Ich entwickelte in mir ein Gefühl der Dankbarkeit für die Zeit, die mir geschenkt worden war, auch wenn ich gerne mehr davon gehabt hätte. und noch niemals zuvor habe ich so intensiv gelebt wie jetzt …”
Es war die letzte mail, die mein Freund von ihr bekam. Sie starb noch bevor sie das Kind zur Welt bringen konnte, aber sie starb ohne Schmerzen und in der Gewissheit, dass ihre Tochter in guten Händen war.
Nicht immer ist das Elend so elend, wie es von außen aussieht. Für manche stellt das Leben schwierige Situationen bereit, an denen die wachsen können - und die nehmen das Leben dann an, voll und ganz, lassen es ganz in sich einströmen und lassen sich am Ende von ihm davontragen.
Es ist eine Kunst, die Liebe in allen Träumen des Lebens zu finden …
