
Wir sind nicht auf der Suche nach Wahrheit, sondern nach dem Schlüssel zu ihr.
Einer der wirklich interessanten Aspekte des Lebens liegt für mich darin, dass Begrenzungen von gestern heute Treppenstufen sein können. Was gestern noch Schutz für unsere Ideen war, ist heute eine Belastung. Wir müssen loslassen - entweder, weil wir keine Luft mehr bekommen und aufgeben, oder um draufzusteigen und weiter nach oben zu kommen … nach dahin, wo es mehr von allem gibt.
Vor einigen Jahren lernte ich einen meiner Kunden ein wenig besser kennen. Er war oft verreist, rund um die Welt, aber wenn er grad da war, nahmen wir uns Zeit für einen Kaffee und einen kurzen Plausch. Wolfgang, so nenne ich ihn jetzt einfach mal, hatte sich, nach Lehre und ein paar Jahren Berufserfahrung, selbstständig gemacht, und eine eigene kleine und erfolgreiche Textilagentur gegründet. Nach und nach wuchsen Firma, Vermögen, aber auch Risiko.
„Mit jeder neuen Kollektion,“ sagte er, „riskiere ich mein ganzes Vermögen. Wenn ich eine Kollektion daneben setze, bin ich platt. Das wird mir langsam zu heiß!“
Als erstes minderte er das Risiko und setzte mehr auf schnelles Nachahmen bereits laufender Trends. Als zweites holte er sich einen Partner ins Boot, der in derselben Branche ein anderes Produkt vermarktete, und schließlich holte er noch einen Investor in die Firma. Damit hatte er eigentlich einen passablen Rettungsring um die Firma herum gebaut. Aber da, wo mehr Leute am selben Tisch sitzen, wird der Platz enger. Zwei Jahre später verkaufte er und stieg aus.
Mit Beginn seiner Selbstständigkeit hatte er eine große Liebe fürs Fotografieren entdeckt und stetig weiter entwickelt, bis er schließlich seine Kataloge selbst inszenierte, fotografierte und produzierte. Zweimal im Jahr gönnte er sich ein Extrabonbon: Er suchte sich Models und Locations, um eine Woche lang an den schönsten Orten dieser Welt Bilder für seinen Katalog zu schießen.
Sein erster Gedanke nach dem Ausstieg aus der Agentur war, es mit der Produktion von Modekatalogen als neuen Geschäftszweig zu versuchen. Da er über weltweite Kontakte zu Lithografieanstalten und Druckereien verfügte, und darüber hinaus über entsprechendes Know-How, war diese Idee naheliegend. Er bekam auch schnell einen Auftrag, musste aber die Bezahlung hinterher gerichtlich erstreiten. Wolfgang fasste das als eine Warnung auf, diesen Gedanken zu verwerfen. Zufällig begegneten wir uns in dieser Zeit damals, spät nachts, irgendwo in der City auf ein Glas.
„Mein Traum wäre, zu fotografieren! Ich hab mir das mal durchgerechnet: Wenn ich vier Aufträge holen kann, könnte ich schon davon leben und meine Reisen finanzieren!“
Reisen war seine zweite Leidenschaft.
Wolfgang, nicht aus Versehen ein erfolgreicher Geschäftsmann, machte aus seinem Traum einen Plan. Mit der festen Vorstellung, mindestens vier Aufträge zu schnappen, kontaktierte er vor allem kleinere Modeagenturen. Vier Wochen später stießen wir, wieder spät nachts, aufeinander.
„Acht!“ brüllte er auf nächtlicher Straße und seine Augen blitzten hell. „Ich hab’ acht Aufträge!“ Wolfgang war auf zweihundert und super gut drauf. „Wenn ich die Leute erst mal am Tisch habe, sprechen wir nach zehn Minuten die gleiche Sprache. Dadurch, dass ich selbst eine Agentur hatte, weiß ich genau, was deren Probleme sind, und die wiederum merken sofort, dass ich genau weiß, worauf es ankommt! Wenn ich dann noch meine eigenen Kataloge auf den Tisch lege, ist die Sache gelaufen!“
Wolfgang verschwand für ein ganzes Jahr aus meinem Blickfeld. Als ich ihn wieder traf, hatte er sich verändert. Er war ruhiger geworden. Und stärker. Es war ihm gelungen, alle Auftraggeber aus dem ersten Jahr zu behalten und vierzehn neue dazu zu gewinnen. Sensationell!
Wir suchten uns eine ruhige Bar.
„Ich glaube,“ sagte er mir, „es sind zwei Gründe, die den Erfolg ausmachen. Zum einen ist es mein Background als Geschäftsmann. Fotografen fotografieren alle besser als ich, die kann ich, glaube ich, nie erreichen. Aber sie sind Künstler! Sie haben ihre Ideen im Blick und nicht die Kosten. Ich dagegen behalte beim Shooting die Kosten immer genau im Auge und überschreite nie mein Limit. Trotzdem kriege ich die Bilder, die es für den Kunden braucht.“
Er lachte verschmitzt. „Es gibt aber noch einen anderen Grund für meinen Erfolg: Ich glaube an mich! Vor fünf Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, vom Fotografieren leben zu können! Und jetzt? … Vielleicht muss man im Leben einfach eine bestimmte Strecke zurücklegen und unterschiedliche Erfahrungen machen, bis man an sich selbst und seine Ideen glaubt.“
Er hatte dieses Vertrauen immer mehr entwickelt. Bis heute arbeitet er als … Fotograf … und reist ständig rund um die Welt. Selbst große Kataloganbieter setzen mittlerweile auf sein Können. Er lebt seinen Traum und genießt ihn in vollen Zügen. Ach ja, seine Tochter hat ihr Studium mittlerweile abgeschlossen. Nachdem sie ein paar Jahre Berufserfahrung als Fotografin in New York gesammelt hatte, arbeitet sie heute mit ihm zusammen. Er meint, das sei die Krönung des Ganzen …
Das Vertrauen, das wir in Gott haben, offenbart sich im eigenen Selbstvertrauen. Auch wenn Sie vielleicht wenig Selbstvertrauen mit in dieses Leben gebracht haben, können Sie es entwickeln. Setzen Sie sich kleine, erreichbare Ziele und bauen Ihr Selbstvertrauen zunächst durch kleine Erfolge auf. Jedes noch so kleine, selbstgesteckte Ziel, das Sie erreichen, ist ein Erfolg. Um dieses Vertrauen in Gott, das sich im Vertrauen in uns selbst spiegelt, zu entwickeln, dazu sind wir hier in dieser Welt. Das ist unser Auftrag und unser Ziel.
rk-f
