Immer wieder begegne ich Menschen in einer Zwickmühle. Auf der einen Seite, wenn sie ganz unbeobachtet sind, ganz frei und ungezwungen, wenn sie also spielen, ganz sie selbst sind, versinken sie völlig in dem was sie tun. Sie fragen nicht, ob man das darf oder nicht, sie achten nicht darauf, wie das bei jemandem anderen ankommt, sie sind eingetaucht in einen magischen Augenblick, geben sich ganz hin und sich selbst ganz rein.

Und, vielleicht nur einen Augenblick später, tauchen die gleichen Menschen auf, die Gesichtszüge straffen sich, der Blick wird schärfer, der Atem kürzer. Die Denkmaschine läuft auf Hochtouren … „nur ja keinen Fehler machen“ erscheint da manchmal auf der Stirn.

Natürlich ist das alles ganz unterschiedlich. Wir haben Menschen auf diesem Planeten, die geborene Wettkämpfer sind. Die laufen erst richtig zu Hochform auf, wenn es eine Konkurrenz gibt. Es gibt andere, deren Kreativität stoppt, sobald Mitbewerber auftauchen. Und doch, ganz gleich ob Wettkämpfer oder eher Philosoph, wir alle suchen im Grunde das Spiel! Wir sind der Homo ludens, das spielende Wesen.

Volkswagen hat ein virales Video in Umlauf gebracht. Die Idee ist natürlich eine werbende, aber wenn man trotzdem einfach mal hinschaut, was passiert, wenn man Menschen die Möglichkeit zum Spielen anbietet, dann entdeckt man Interessantes. Schau’n Sie mal:

Ist doch interessant, oder? 66% mehr Menschen auf der Treppe, nur weil die plötzlich Töne von sich gibt!

„Man sagt, Gott sei am glücklichsten, wenn seine Kinder spielen,“

sagt Bagger Vance im Film Die Legende von Bagger Vance. Und tatsächlich bin ich davon überzeugt, dass wir Menschen dann wirklich Großartiges zustande bringen, wenn wir in das kommen, was Csíkszentmihályi den Flow nennt (Zitat:)

Flow (engl. fließen, rinnen, strömen) bedeutet das Gefühl des völligen Aufgehens in einer Tätigkeit, auf Deutsch in etwa Schaffens- oder Tätigkeitsrausch, Funktionslust: unüberspannt, wenn der Wille zentriert ist - Konzentration, ohne erzwingen zu wollen.

Kinder bringen das eigentlich schon mit, dieses Eintauchen in den magischen Moment und das damit verbundene alles vergessen, was um einen herum passiert.  Man geht vollständig mit der Sache mit, wird ganz zu einer Art Kanal für eine spirituelle oder kreative Kraft. Wenn es selten passiert, ist es etwas außergewöhnliches.

Viele Schriftsteller kamen und kommen oft nur in diesen Flow, wenn sie unter einem großen Leidensdruck stehen, wenn sie Traumatisches literarisch auf- und verarbeiten. Interessant hier ist auch, dass oft gerade dann, wenn Schriftsteller mit ihren Texten erfolgreich waren, sie keine emotionale Reibung mehr hatten - und anfingen, zu trinken! Nicht selten wurden sie zu Alkoholikern.

Ich glaube, dass die meisten Menschen das Verlangen, in diesen Flow zu kommen, mit in dieses Leben bringen. Es ist, aus meiner Sicht, eine vage Erinnerung an das, was wir im tiefsten Inneren sind, eine neblig diesige Erinnerung ans Paradies, wenn man so will.

Und scheitern nicht viele von uns an der Frage, wie man in diesen Flow kommt? Hat es nicht manchmal den Anschein, als ob sich viele in unsichtbaren Sträuchern verheddern, um sich an den Dornen zu reißen, nur um diesen emotionalen Konflikt in sich zu schüren, der ihnen die Tür ins Paradies, den Anfang des Flows verspricht?

Ich habe vor vielen Jahren einen gut aussehenden Mann kennengelernt, der im Grunde seine beste Zeit schon hinter sich gehabt hatte. Er hatte viel in Diskotheken zugebracht, Platten aufgelegt, amouröse Affairen gehabt  - gelebt bis zum Maximum. Als ich ihn kennenlernte, kam er Montags immer in mein Kiosk, um sich Bier zu kaufen. Oder Schnaps. Er kam immer dann, wenn er von Sonntag auf Montag im Obdachlosenheim übernachtet hatte.

Das ist jetzt sicher zwanzig Jahre her - und er lebt immer noch auf der Straße. Und er sieht nicht mehr so gut aus …

Seine Suche nach dem emotionalen Durchbruch über das Werkzeug Droge oder Alkohol hat ihn fest unter Kontrolle. Er sucht das Spiel, das Glück und die Erfüllung in Dingen oder Emotionen, nicht in seinem Herzen. Aber der Flow nimmt seinen Anfang nicht im Bauch, sondern im Herzen. Und oft stellt er sich nicht leicht ein. Es scheint manchmal, als wolle sich der Flow erobern lassen und flüchte sich mal hierhin und mal dahin.

Es kann eine Menge Arbeit kosten, an einen Punkt zu kommen, an dem das, was man macht, wie ein Spiel aussieht: Leicht, elegant, mühelos. Eine Menge Arbeit! Aber eben auch immer wieder Spiel! Anstrengung und Entspannung brauchen ein Gleichgewicht - eines, das etwas über die innere Gewissheit aussagt, das man erreicht, was man in seinem Inneren vor sich sieht.