Frei zu sein ist viel schwieriger, als man vielleicht annehmen würde.

Frei zu sein ist viel schwieriger, als man vielleicht annehmen würde.

Jetzt war ich also frei! Was bedeutet, frei zu sein? Wenn man über Freiheit nachdenkt, denkt man an so manches aber wahrscheinlich zuletzt an Selbstverantwortung.

Wenn man niemandem mehr die Verantwortung zuschieben kann, für das, was einem geschieht oder geschehen ist, wenn man wirklich aufhört über Schuld nachzudenken, und vorher und nachher, wenn man also nur noch an Hier, Jetzt und an das, was sich daraus machen lässt denkt, ich glaube, dann hat man die Freiheit ein gutes Stück weit realisiert.

Um es vorweg zu nehmen, an diesem Punkt war ich dann wohl doch noch nicht …

Ich saß also am abend wieder am Tisch, das weiße Blatt vor mir, die Farbstifte um mich herum und mit einem leeren Kopf.  Es fiel mir kein Bild ein - wahrscheinlich auch deshalb, weil ich noch zu sehr von meinem Traum überwältigt war.  Ich ließ das Bildermalen sein.  An diesem Abend, am nächsten Abend und auch in der ganzen Woche. Und das Malen hatte ich auch nur deshalb nicht ganz vergessen, weil ich die Malsachen nicht weggeräumt hatte.

Etwa eine Woche später, der Stress bei der Arbeit hatte deutlich zugenommen, fiel mir endlich wieder etwas ein. Mit etwas einfallen meine ich, dass etwas aufs Blatt wollte ohne dass ich großen Einfluss nehmen musste.  Ich hatte keinen Plan, keine Absicht etwa wie bei der Brücke, die ich zwei Tage lang auf meinem inneren Monitor gesehen hatte. Diesmal saß ich am Tisch und ich malte einen blauen Verlauf … einen Fluss, oder einen breiteren Wasserlauf.  Ein Weg führte durch Wiesen an eine Stelle am Ufer, an der ein Boot angetäut war. An dieser Stelle war auch ein Stab in die Erde gesteckt, an dem ein Signalhorn hing.  Auf der anderen Seite des Wassers stand eine kleine Hütte, aus der Licht schimmerte. Weit und breit war niemand zu sehen. Auf der anderen Seite des Wasserlaufs ging der Weg an dieser kleinen Hütte vorbei weiter nach irgendwo hin.

Ich dachte darüber nach, dass dieses Bild wohl eine Situation meines Lebens festhielt.  Auf dem Weg von irgendwohin nach irgendwohin, aufgehalten durch etwas, das nach einem Fährmann rief, der aber nicht zu sehen war. Mehr fiel mir nicht dazu ein. Auch im Traum erhielt ich keine Antwort auf diese Situation. Auch nicht in der Kontemplation. Ich wollte unbedingt hinüber auf die andere Seite, aber ich wusste nicht wie. Es ist ganz erstaunlich, wie schnell man vergessen kann, dass, wenn man frei ist oder frei sein will, man selbst der Fährmann ist …

Der Stress in der Firma nahm bedrohliche Ausmaße an. Immer wütender wurden die Auseinandersetzungen zwischen Firmenleitung und Mitarbeiter und immer mehr musste ich mir einfallen lassen, um mich zu wehren oder um selbst einen Angriff zu starten. Die Auseinandersetzungen nahmen mich so sehr gefangen, dass ich das Malen mehr und mehr vergaß.  Vielleicht hatte es seinen Reiz verloren.

Es dauerte ganze zwei Wochen, bis ich endlich wieder die Malsachen anfasste. Ich saß einen abend lang am Tisch und schaute mir die Bilder an, die ich gemalt hatte. Das Bild mit dem Weg zur Fähre ohne Fährmann, das Bild mit der Zugbrücke aus Holz vor einem riesigen Tor … mir wollte weder eine Lösung einfallen, noch ein Bild. Ich war immer wieder zu sehr mit meinen Gedanken im Geschäft und den Auseinandersetzungen und so dachte ich eher analytisch über eine Möglichkeit nach, über den Fluss zu kommen.  Es war eine schwierige Zeit, in der ich alle Hände voll damit zu tun hatte, mich im Geschäft durchzusetzen.  Also schob ich die Bilder weg und ging zu Bett.  Und auch diese Nacht blieb traumlos.

Am nächsten Morgen, als ich mir Kaffee machte, warf ich einen Blick auf den Tisch, auf dem die Malsachen lagen. Mit einem Brot in der Hand ging ich hinüber und betrachtete das Bild, das ich am abend gemalt hatte.  Interessantes Bild irgendwie.  Ich ging zurück, um mir Kaffee einzuschenken und blieb plötzlich wie angewurzelt stehen: Ich hatte gar kein Bild gemalt!  Aber da lag ein Bild. Ein neues! Und es war von mir!

Gänsehautschauer liefen mir den Rücken hinunter. Mit einem Satz war ich am Tisch, um mir das Bild anzuschauen.  War ich im Schlaf hierher gewandelt und hatte es in Trance gemalt? War es vielleicht doch nicht von mir? Staunend stand ich am Tisch und starrte auf das Bild. Und dann sah ich es … es war kein neues Bild … zwei Bilder hatten sich so ineinander geschoben, dass es aussah, wie ein neues! Der Weg, der zum Fluss mit dem angetäuten Boot lag hatte sich unter das Bild mit der Brücke geschoben.  Jetzt lag vor mir das Bild eines Weges, der direkt zu einer Zugbrücke mit dahinterliegendem riesigen Tor führte. Das Bild zeigte einen Weg, der zurück ins Gefängnis führte. Die Übergänge zwischen diesen beiden Bildern waren so präzise, so genau aufeinander abgestimmt, dass gar nicht erkennbar war, dass es sich um zwei Bilder handelte! Es war absolut verblüffend. Der Weg durch die Wiese zum Fluss lief genau auf die Zugbrücke und passte wie gemessen in der Breite und der Perspektive! Unglaublich!

Glauben Sie mir, ich war erstmal fassungslos! Es war so deutlich und so klar, dass meine innere Haltung, mein Denken, das sich immer mehr um Durchsetzen und Auseinandersetzen, geradewegs in ein Gefängnis der Eitelkeiten führte. Ohne es zu merken, steuerte ich mit Volldampf nach dahin zurück, von wo aus ich eigentlich gekommen war - und von dem ich froh war, es hinter mir hatte lassen zu können.

Genauso wie ich blind sofort über die Mauer wollte, genauso blind wollte ich unbedingt über den Fluss.  Es hatte sich nichts geändert. Und auf genau die Weise, mit der ich mich in mein altes Bewusstsein gesteuert hatte, auf die gleiche Weise war ich auf dem Weg nach genau dahin wieder zurück. Wir brauchen ganz offensichtlich Zeit, zu lernen.

Frei zu sein ist viel schwieriger, als man zunächst annehmen mag. Es fühlt sich anfangs viel weniger frei an als es ist, weil die Disziplin viel größer ist, die man entwickeln muss. Weil es auf alles ankommt - und weil man niemanden anderen mehr für etwas verantwortlich machen kann. Man ist sein eigener Fährmann, sein eigener Navigator, sein eigener Knecht …

Vielleicht konnte ich Sie ein bisschen motivieren, sich auch mal an kreative Übungen zu wagen. Sie werden in den nächsten Tagen noch ein paar andere hier lesen können. Wenn Sie mögen, nehmen Sie sich ein paar Stifte oder Farben und Papier, und fangen einfach mal an.  Oder Sie gönnen sich eine Session Begleitetes Malen. Meine Kollegin hat den ersten Teil meiner Geschichte, Befreites malen, auf ihrer Website so beschrieben, als wäre es bei begleitetem Malen entstanden. Ich finde, es lohnt sich, das zu lesen.

Egal ob begleitetes Malen oder auf eigene Faust, kreative Übungen sind ein ganz hervorragendes Mittel, Ihre Kreativität zu befeuern, Ihr Talent zu nähren und zu pflegen. Es ist eine wunderbare Möglichkeit, ihre eigene Spiritualität zu entwickeln und ihr Raum zu lassen - auf Ihre ganz eigene, persönliche Weise.

Viel Erfolg!