
Die Software überdauert unsere jetzige Existenz. Das beweisen auch die Erinnerungen, die wir aus anderen Leben mitbringen
Mir kam es gleich komisch vor. Mein dementer Vater war so ungewöhnlich aufgeschlossen gewesen, als er seine nachmittäglichen zwei Stunden in der Tagespflege verbrachte. Er bestritt die Fragen für das Kreuzworträtsel fast allein. Er fragte auch, wohin die Treppe führe. Mein Vater ist aber seit zwei Jahren blind, weil das Gehirn die Reize nicht mehr verarbeiten kann. Dann konnte er wohl auch nicht die Treppe meinen, die sich im Raum befand. Da müssen seine inneren Augen wohl etwas gesehen haben.
Das war aber erst der Beginn.
Es kam noch viel toller. Am nächsten Morgen wurde er mit der Diagnose Austrocknung ins Krankenhaus eingeliefert. Den ganzen Vormittag sprach er nur französisch oder englisch. Er wühlte in großer Aufgeregtheit in seinem Bett und als neue Variante beschimpfte er jeden, besonders aber meine Mutter und auch uns Kinder. Jetzt sei Schluss mit diesem freundlichen Getue.Das gehe ihm auf die Nerven. Immer lieb sein, das wolle er auch überhaupt nicht mehr. Ganz dringend war sein Wunsch, zum Bahnhof zu gelangen und wir sollten ihm gefälligst und augenblicklich helfen. Unsere Beruhigungen, dass beispielsweise längst die Fahrkarte gekauft und auch eine Sitzplatzreservierung vorgenommen worden sei, halfen nichts. Er wurde immer erregter.
Das Überraschende an seinem Verhalten war, dass er plötzlich wieder telefonieren konnte, das heißt, dass er Fragen verstand und beantwortete, dass er logische Verknüpfungen vornehmen konnte und dass ihm Worte zur Verfügung standen, die wir schon lange nicht mehr von ihm gehört hatten. Mein Vater war als junger Mann Soldat gewesen und immer wieder kamen auch jetzt Erinnerungen hoch. Also probierte ich es mit einem Befehl vom General, um ihn dazu zu bringen, etwas zu essen. Da verhöhnte er mich und meinte, dass ich ja überhaupt keine Ahnung von einem General habe und wenn schon General, dann habe er Beziehungen zu ihm.
Bei all diesen Aufregungen gefiel es mir, dass ich meinen Vater nach so langer Zeit wieder so in seiner Kraft erlebte.
Aber etwas verstehe ich nicht - oder vielleicht doch.
Die Medizin lehrt uns, dass sich bei der Alzheimer Erkrankung das Gehirn deformiert, auflöst, seine Funktionen allmählich Stück um Stück einstellt.
Woher kommen also seine Worte, seine Verknüpfungen, seine Fremdsprachen, seine Erinnerungen, seine Emotionen?
Diese Wissen kann ja gar nicht im Gehirn gespeichert sein. Seine Erinnerungen, die sich ihm sprachlich mitteilen, müssen also aus einer Quelle außerhalb seines Körpers kommen. Es muss ein Feld, eine Schublade geben, die nicht körperlich ist. Ist es vielleicht so? Lassen sich die Erinnerungen mit der Software gleichsetzen und das Gehirn mit der Hardware? Die Software überdauert unsere jetzige Existenz. Das beweisen auch die Erinnerungen, die wir aus anderen Leben mitbringen.
Ich verstehe nicht, wie es seinem Gehirn möglich war, wieder Verknüpfungen herzustellen, wenn doch die Erkrankung dies sonst unmöglich macht.
Mein Vater wütete vierundzwanzig Stunden, ebensolang schlief er. Dann erzählte er friedlich aus seinem Leben und konnte wieder seine persönlichen Daten wiedergeben. Jetzt ist er wieder fast bei seinem vorigen Verhalten angelangt. Er ist friedlich geblieben, will jetzt aber immer wissen, wo er ist und welche Uhrzeit wir haben.
Was ist des Rätsels Lösung?
