klatschmohn

Um spirituell vom Fleck zu kommen, musst du das, was du tust, gerne tun. Wenn du gerne tust, was du tust, dann wirst du bei allem, was du tust, dein Bestes geben.

“Und wie alt sind Sie jetzt?” “Zweiundvierzig!”  Ich konnte es kaum fassen. Ich hatte einen Schüler wiedergetroffen und er war inzwischen zweiundvierzig Jahre alt geworden. So weit war mein Leben inzwischen vorangeschritten. Aus Kindern und Jugendlichen waren so gestandene Menschen geworden.

Er hatte mich in einem Supermarkt angesprochen. Ich war dabei, von diesen herrlichen Chrysanthemenbüschen, die es im frühen Herbst fast überall zu kaufen gibt, die schönsten auszuwählen. Hinter dem Blumenständer lugte ein Gesicht hervor, das mich forschend anschaute. ” Frau G. ? Sie sind doch Frau G. ?” Ich bejahte, hatte aber keine Ahnung. “Ich bin doch K. B.!”  Und da hatte ich die Person, die er vor 25 Jahren war, wieder genau vor Augen. Ein schmächtiger, pickeliger, unsicherer Junge, der sich gern  indische Tücher um den Hals schlang. Einmal bestand er darauf, mir eines seiner Tücher zu schenken. Man traute ihm nicht viel zu, damals. Er gehörte zu den schwächsten Schülern und hatte wenig Selbstvertrauen. Aber in der neunten Klasse wusste er eines ganz sicher. Er wollte Gärtner werden. Geschlossene Räume waren für ihn nichts. Auch das traute man ihm nicht wirklich zu. Aber es war ja sein Wunsch und sein Leben.

Deshalb war meine erste Frage: “Und, sind Sie Gärtner geworden?” Er grinste breit und sagte:”Ja, natürlich.” Ich realisierte, dass er in diesem Supermarkt angestellt war. Ich realisierte auch, dass es in dieser Abteilung im Gegensatz zu früher ordentlicher, bunter und freundlicher aussah. Vor allem hatten alle Pflanzen ausreichend Wasser. Er strahlte, als ich ihm meine Beobachtung mitteilte. Und eifrig, aber gar nicht devot, erzählte er, wieviel Verantwortung er  hier trage und wieviel Eigeninitiative er schon entwickelt habe.

Es ist oft schwierig, Menschen nach ihrem Leben zu fragen, die einen so schwierigen Start haben, wie viele meiner Schüler ihn hatten. Deshalb frage ich oft danach, was denn das Leben so mit ihnen gemacht habe, obwohl ich weiß, dass es genau umgekehrt ist. Wir gestalten unser Leben. Wir sind die großen Macher.

Er erzählte voller Glück von seiner tollen Frau, mit der er schon zehn Jahre verheiratet sei und von dem großen Glück, dass er diese Arbeit im Supermarkt bekommen habe. Er habe sich nach über zwei Jahren Arbeitslosigkeit einfach hier beworben und sei sofort genommen worden. Und verdienen würde er auch gut, meinte er. Bei dieser Bezahlung würde man doch gerne arbeiten. Er nannte mir auch eine Zahl, aber im Stillen dachte ich, dass man für dieses Geld keine Putzfrau bekommt. Nach Kindern hätte ich ihn nicht fragen sollen. Das tut man einfach nicht. Er hätte es mir sicher von sich aus im Zusammenhang mit seiner Frau erzählt.

Da stand er vor mir und er strahlte vor Glück und Selbstbewusstsein. Das sagte ich ihm auch und da strahlte er noch mehr und meinte, dass dies doch selbstverständlich sei. Hat der eine Ahnung, dachte ich.

Dann beriet er mich kompetent wegen eines Pflanzgefäßes und natürlich trug er es mir zur Kasse und später zu meinem Auto. Von den anderen Mitarbeiterinnen wurde er wohlgefällig angelächelt oder auch um Hilfe gebeten. Es war für ihn eine glanzvolle Demonstration seines Werdegangs und seiner  Fähigkeiten, ja seines Seins.

Er verkörperte so sehr das, was er auch zu sein schien. Ein zufriedener, glücklicher, heiterer, in sich ruhender Mensch, der seinem inneren Gefühl gefolgt war. Das konnte er tun, weil er in der Lage war, es wahr zu nehmen und zu spüren. Und dann auch, es umzusetzen.

Lehrer freuen sich über solche Begegnungen. Es bedeutet auch für sie, dass sich ihr Traum gelegentlich erfüllt.

Gehören Sie, ich meine jetzt Sie als Leser, zu den Menschen, die später noch einmal in die Schule zurückkehrten und sich ihren Lehrern zeigten? Und wie war das für Sie?