
Und doch ist es so, dass in dieser Welt zwar einige Fäden zusammenlaufen - aber sie enden hier nicht. Sie enden hier ebensowenig wie sie hier begonnen haben.
Vier junge Männer sind glücklich. Das Abitur ist in der Tasche. Sie sind frei. Viele Jahre büffeln liegen hinter ihnen. Jetzt die Uni und dann der ganz große Wurf. Die Sonne beißt in die Erde unter ihren Füßen, lässt alles flimmern und vibrieren und den Puls der vier Jungs schneller dröhnen. Sie feiern in die Nacht, schauen der Sonne zu, wie sie hinter den Horizont kriecht und ihr Licht mit sich nimmt. Mädchen, Bier, ein Baggersee. Das Leben ist herrlich.
Während diese vier ausgelassen ihre Reifeprüfung feiern, feiern vier andere junge Männer ihre Freundschaft. Wilde Burschen, aber nicht böse. Sie sehen böse aus - aber, wie schon gesagt, sie sind es nicht. Bartstoppeln, Jeans und Nietenjacken, Stiefel. Sie kennen sich schon eine halbe Ewigkeit. Sie mögen sich. Und wenn sie sich schon mal treffen, dann lassen sie es halt richtig krachen. Drei von ihnen haben ihre Lehre abgeschlossen und streben in ihre Karrieren. Endlich großes Geld. Nur einer von ihnen hat es nicht so recht gepackt. Irgendwie will es ihm nicht gelingen, die Füße auf die Erde zu kriegen. Sein Temperament ist sein Problem.
Ist es nicht manchmal erstaunlich, wenn man seinen Lebensweg anschaut, welche Menschen man wann getroffen hat? Wie lange man auf der gleichen Straße unterwegs war und wie sich die Wege dann voneinander fortbewegt haben? Auf eine gewisse Weise bildete man für eine Zeit lang eine Art Schicksalsgemeinschaft. Die Entscheidungen, die Gefühle, der Zauber der Augenblicke - alles das beeinflusste sich gegenseitig. Der Traum, durch den man glitt, wurde schnell und wild und großartig. Zumindest fühlte es sich so an.
Ich erinnere mich noch an eine Nacht, in der ich mit drei Freunden auf dem Rückweg zur Kaserne war. Ich fuhr einen Mietwagen und meine Kollegen waren bei mir im Auto. Als ich von der Autobahn abgefahren und in Richtung Kaserne eingebogen war, beschloss ich spontan, einen anderen, neuen Weg zu probieren. Es war diese laue Sommernacht, wir waren heiter, wir waren jung und wir kannten keine Grenzen. Mit hohem Tempo nahm ich eine lange Linkskurve und beschleunigte sogar noch. Alles jubelte, alles gröhlte, wie auf der Achterbahn. Doch dann wurde die Kurve immer enger und immer noch enger. Der Wagen brach aus, schleuderte seitlich auf ein Blumengeschäft zu - und kam ein paar Zentimeter vor dem Schaufenster zum Stehen.
“Juhu”, schrie ich, um meine Angst zu verbergen, aber außer mir schrie keiner mehr. Wir waren eine Zeitlang eine gute Truppe doch in diesem Moment hätte ich die Zeitlinien, oder meinetwegen das Schicksal meiner Kumpels in eine andere Richtung gebogenen. Ohne Not. Und, wer weiß, mit verheerenden Folgen.
Die vier jungen Abiturienten - mir scheint, die hatten alle ihr Reifezeugnis verdient - sie hatten vorher ausgemacht, wer fährt und wer eben nicht trinken darf. Sie alle wollten ihr Leben leben …
Als ich später dann fertiger Polizist war, fiel mir die Szene mit dem schleudernden Wagen in Richtung Blumengeschäft öfter mal ein. Warum sind die einen vernünftig und die anderen nicht? Sollte man das einfach mit dem Wort Karma vom Tisch wischen? Ein anderes Wort für Karma wäre vielleicht Bewusstseinszustand. Und wenn wir Seele sind, und ich bin davon überzeugt, das wir Seele sind, dann ist es tatsächlich so, dass wir selbst die Ursache dafür sind, was wir anziehen. Natürlich ziehen uns die anderen ebenso an, aber hätten wir eben nicht diese Ladung, sie könnten uns nicht anziehen und wir sie auch nicht - unsere Zeitlinien verliefen anders.
In dieser vibrierenden Sommernacht hatte ich Dienst und es waren diese vier jungen Abiturienten, die sich auf den Heimweg machten. In einem kleinen häßlichen Entlein mit einem absolut nüchternen Fahrer. Sie hatten aufgepasst und waren ihrer Verantwortung gerecht geworden - und doch würde ich einen von ihnen gleich kurz kennenlernen.
Die anderen vier waren still geworden. Sie hatten vor einer Kneipe gestanden, müde vom Bier und den Zigaretten, müde von dem langen Abend und einer langen Woche. Einmal noch früh aufstehen, dann war Wochenende. Einer von ihnen, der wildeste, schnippte seine Zigarette in hohem Bogen weg.
“Wer kommt mit? Ich fahr noch in die Stadt …” Alle gröhlten. Mit einem Mal fiel von ihnen die Langeweile ab. Sie stiegen ein in den weißen BMW und machten sich auf große Fahrt durch die flirrende Nacht. Es sollte ihre letzte sein …
Ich war in dieser Nacht mit einem alten, erfahrenen Kollegen unterwegs, einem alten Fuchs der schon alles gesehen hatte, was man als Polizist zu sehen kriegen kann. Er saß auf seinem Beifahrersitz, hatte die Augen in die Nacht gerichtet und war angespannt. Es war, als fühlte er was kommen würde. Langsam rollte unser Streifenwagen durch die Nacht.
Die vier wilden jungen Burschen waren alle wieder aufgewacht. Die Fenster offen, die Köpfe rausgestreckt, der Wind in den Haaren, das Tempo hoch. Dann ging alles sehr schnell.
Ich hatte unseren Streifenwagen an die Bundesstraße gelenkt - eigentlich um einen Blick auf den Parkplatz einer großen Diskothek zu werfen - als unsere vier Abiturienten heran kamen. Sie fuhren entlang einer langgestreckten Linkskurve und hatten es nicht mehr weit, bis nach Hause. Es war kaum Verkehr auf der Bundesstraße. Nur ein weißer BMW kam ihnen entgegen, der, das konnten sie nicht wissen, auf ihrer Spur fuhr. Keine zweihundert Meter von unserem Streifenwagen entfernt krachten beide Autos praktisch ungebremst ineinander. Der Knall war so laut, dass ich vor Schreck fast aus dem Auto gefallen wäre.
So schnell ich konnte, rannte ich zur Unfallstelle. Es sah aus wie nach einem Inferno. Beide Autos lagen auf dem Dach, überall Glas, Blut, Menschen. Einer der Jungens, blond, mit hellen Augen, hing zur Hälfte aus dem häßlichen Entlein und schaute mich ungläubig an. So vorsichtig ich konnte, zog ich ihn aus dem Wagen. Unsere Blicke trafen sich. Ich hielt seinen Kopf in der Hand und lächelte ihn an.
“Es ist alles gut,” sagte ich. “Es ist alles gut.”
Er schloss die Augen und war tot. Er und seine drei Abiturfreunde. Und ebenso drei im weißen BMW. Sie waren praktisch alle sofort tot. Nur der wildeste, der, der mit seinem Temperament einfach keinen Frieden schließen konnte, der überlebte - und musste die Last dieses Augenblicks ganz alleine tragen.
Es gibt nichts zu beschönigen. In dieser Welt regeln wir alles über Verantwortlichkeiten und dieser junge Bursche musste in eben dieser Welt die ganze Verantwortung für diesen Traum übernehmen. Und dennoch hatten sich alle acht Leute magisch angezogen.
Nicht alle Träume in dieser Welt enden glorreich. Und doch ist es so, dass in dieser Welt zwar einige Fäden zusammenlaufen - aber sie enden hier nicht. Sie enden hier ebensowenig wie sie hier begonnen haben. Das ist das Gute daran.
