Die Fähigkeit, das Leben anzunehmen so wie es kommt, zeigt wieviel Liebe der einzelne entwickelt hat

Die Fähigkeit, das Leben anzunehmen so wie es kommt, zeigt wieviel Liebe der einzelne entwickelt hat

Tja, die Zeit, in der sich Lissi, unsere kleine Katze, im Schlafzimmer unterm Bett versteckte, ist schon lange vorbei.  Lissi, oder Prinzessin Furzelbäumchen wie wir sie auch nennen, hat sich die ganze Wohnung erobert - einschließlich des Herzens unseres Katers Felix. Es hat keine vier Tage gedauert, bis sich die beiden Katzen gegenseitig schleckten und beschmusten.

Lissi hat ihre merkwürdige Gewohnheit, des sich ständigen ‘rumdrehens beim Streicheln beibehalten.  Nur kommen gelegentlich auch Rollen vorwärst dazu - also Purzelbäume.  Und wenn sie sich richtig sauwohl fühlt und sich den Bauch und die Backen streicheln lässt, dann kann es schon sehr leicht passieren, dass die bei ihrer Verdauung entstehenden Gase das Freie erreichen - was ihr gar nichts auszumachen scheint - daher der Name Furzelbäumchen.

Lissi, oder Prinzessin Furzelbäumchen hat ganz offensichtlich vergessen, was Angst ist.  Sie untersucht alles, was sich untersuchen lässt und es gibt nicht mehr viel in unserer Wohnung, was an seinem Platz stehen geblieben wäre.  Es gab Tage, an denen es ständig irgendwo “batsch” machte oder, schlimmer, etwas zu Bruch ging.  Lissi hat mit all dem wenig Sorgen.  Viel wichtiger ist ihr, alles genau zu kennen, alles genau zu untersuchen.  Und so dauerte es auch nicht lange, bis sie das Brett auf dem Balkon runter schmiss, dass eigentlich das Katzennetz befestigen sollte.  Und mit dem Fall des Bretts war der Weg auf des Nachbarn Balkon frei.  Was unserem Felix gar nicht gelingen wollte, nämlich einen Weg in die Freiheit zu finden, Lissi oder Prinzessin Furzelbäumchen hatte das im Nu rausgefunden. Es blieb mir nichts übrig, als die Kleine beim Nachbarn, der just tags zuvor aus einer längeren Kur zurück gekommen war, abzuholen.

An sich spricht nichts dagegen, dass unsere Katzen zum Nachbarn gehen.  Nur, wir wohnen im zweiten Stock und der Weg von unserer Balkonbrüstung hinunter in den Hof könnte den Katzen empfindlichen Schaden zufügen.  Deshalb das Katzennetz.  In aller Eile wurden Bretter und Pflanzen wieder so zusammen geschoben, dass eine erneute Flucht unmöglich war.  Jedenfalls für zehn Minuten.  Solange brauchte die Kleine, bis sie alles wieder weggeräumt hatte und getürmt war.  Es blieb uns gar nichts anderes übrig, als Bohrmaschine, Schrauben und anderes Material aus dem Keller zu holen, um wirklich alles dicht zu machen.

Und jetzt sollten sie die Kleine erleben.  Natürlich wartet sie bis nachts.  Aber dann geht sie in die Ecke, in der ihr schon zweimal die Flucht gelungen war und kratzt, beißt und drängelt, was das Zeug hält, um wieder auf den anderen Balkon zu kommen.  Nur, leider leider für sie, da ist jetzt zu …

Hand aufs Herz: Wie würden Sie reagieren, wenn man Ihnen die Freiheit vorenthielte, sie zwar fütterte und gelegentlich auch mit Wohlwollen erfreute, sie aber ansonsten nicht ihrer Wege gehen ließe?  Ich jedenfalls würde schon bald an nichts anderes mehr denken können, als daran, wie ich hier weg könnte.  Wenn es mir einmal, oder sogar zweimal gelungen war, zu entkommen, in die Freiheit, dann müsste es auch noch ein drittes mal gelingen.

Vor ein paar Wochen blieb ich spät abends am Fernseh hängen, weil, grad als ich ausschalten wollte, ein uralter Film startete: Papillon!  Papillon, der ebenfalls einen unbändigen Freiheitsdrang hat, versucht immer wieder aus der Gefangenschaft zu fliehen, und obwohl er eins ums anders mal erwischt und hart bestraft wird, gibt er nicht auf.  Schließlich wird er auf die Teufelsinsel gebracht, wo die Häftlinge sich frei bewegen können, denn Haie und starke Strömung machen eine Flucht unmöglich.  Doch Papillon beobachtet das Meer und er erkennt, dass er nur die richtige Welle erwischen muss, die ihn mit der Strömung ins offene Meer tragen wird.  Er schildert seinem Freund den Plan und der fragt ihn:  “Wird das funktionieren?”  und Papillon antwortet: “Spielt das eine Rolle?”  Eine bemerkenswerte Haltung!

Wenn Felix, der ältere Kater, nachts die Ecke untersucht, in der es ihm auch schon mal gelungen war, zum Nachbarn zu entkommen, miaut er kurz traurig und trollt sich dann ins Wohnzimmer. Lissi, oder Prinzessin Furzelbäumchen beißt, kratzt und zerrt am Katzennetz - bis ihr Augenmerk auf eine Spielzeugmaus fällt.  Dann fällt sie über sie her und lässt die Freiheit hinter sich.

Seinen Traum zu leben, bedeutet, frei zu sein.  Interessanterweise bedeutet frei zu sein aber nicht, physisch frei zu sein.  Es bedeutet, dass sie die Freiheit haben, die Umstände zu akzeptieren und das Beste aus dem zu machen, was ist.  Was immer das auch sein mag.  Lissi trauert nicht über ihren Verlust.  Sie schnappt sich ihre Spielzeugmaus und hat Spaß.

Die Kunst liegt darin, diesen schmalen Grat zu finden, der die Freiheit von allem anderen trennt.  Man nennt diesen Grat Losgelöstheit.  Es ist ein merkwürdiger Zustand zwischen Hartnäckigkeit und Verbissenheit, ohne dabei verbissen zu sein.  Sobald man eine Idee nicht mehr loslassen kann, ist man an sie gebunden - sind Sie nicht mehr frei!  Wer weiß, vielleicht liegt viel Weisheit in Prinzessin Furzelbäumchen, die sich dann mit der Spielzeugmaus ein anderes Paradies schafft und still bei sich denkt: Morgen kommt eine neue Nacht …!