
Dornröschen
Fast jeder kennt das Märchen von Dornröschen. Da wird ein lang ersehntes Kind geboren, und die Eltern wollen dies mit einem großen Fest feiern. Sie laden dazu auch viele Menschen ein. Damit können sie öffentlich ihr Glück und das wunderbare Kind zeigen. Aber der Platz für die Gäste reicht nicht aus. Es gibt nur Raum für zwölf gute Feen. Oder könnte es auch sein, dass die Eltern die dreizehnte Fee gar nicht einladen wollten? Weil sie nämlich auf ihr Geschenk verzichten wollten?
Bei dem Fest werden Dornröschen viele gute Gaben in die Wiege gelegt. Eine Fee um die andere tritt zum Kind und übergibt sie. Welch wunderbares Leben wird Dornröschen vor sich haben! Schönheit, Anmut, Reichtum, Intelligenz…..Da schleicht sich jedoch diese böse, gemeine, niederträchtige, dreizehnte Fee hinzu und - ehe jemand einschreiten kann - hat sie Dornröschen einen Stolperstein ins Bettchen gelegt.
Im Märchen gibt es glücklicherweise noch eine Fee, die ihren Wunsch noch nicht ausgesprochen hat. Sie kann die schreckliche Bedrohung mildern. Das war’s dann.
Dornröschen muss jetzt mit dieser Erschwernis leben. Sie muss den Stolperstein tragen, ob sie will oder nicht. Sie kann aber versuchen, das Beste daraus zu machen. Und was könnte das in Dornröschens Fall bedeuten? Ja, sie könnte versuchen, ihre Muskeln zu trainieren und stark werden. Sie könnte ihn polieren. damit er wunderschön glänzt und sie schmückt. Und, und…
Neulich erzählte mir eine Freundin von einem Schmetterling, der nur unter den allergrößten Geburtswehen zur Welt kommen kann. Eigentlich ist es unvorstellbar, dass er sich überhaupt aus diesem winzigen Loch herausarbeiten kann. Wissenschaftler beobachteten diesen Vorgang und griffen ein. Sie wollten herausfinden, was geschieht, wenn sie den Schmetterling vor seiner Geburt befreiten. Was geschah?
Der Schmetterling kam verkrüppelt zur Welt und war lebensunfähig. Wie konnte so etwas möglich sein? Brauchte dieses Geschöpf diese unglaubliche Geburtsenge, um zu dem zu werden, das es sein wollte und sollte?
Ja. Dadurch wurde es gestreckt und geformt, geknetet und geschliffen. Erst diese Prozedur ermöglichte ihm seine ganze Schönheit, sein vollständiges Potential.
Ich kenne einen jungen Mann. Nein, er ist inzwischen gar nicht mehr so jung. Er kann wunderbar mit Menschen umgehen. Er kann großartig verkaufen. Nein, könnte.Er tut es nämlich nicht. Dieser begabte junge Mann hat zu seinen vielen guten Gaben eine besondere Gabe geschenkt bekommen. Sie heißt Perfektionismus. Ist gut, nicht wahr? Nein! Ihn hindert sie permanent, vorwärts zu kommen. Er hat noch immer keine feste Arbeit. Aber das liegt nicht an der schlechten Konjunktur. Er hatte schon einige Arbeitsverträge, die er nur noch hätte unterschreiben müssen. Aber sie waren nicht perfekt! Immer fehlte etwas. Also konnte er nicht zustimmen. Hat er das Gefühl, ein Projekt entwickelt sich nicht wie geplant, und das heißt für ihn, perfekt, so gibt er auf.
Was also könnte ihn sein Handicap lehren? Perfektionismus ist großartig, weil es einen an die äußersten Grenzen tragen kann. Der gesunde Menschenverstand aber kann einen lehren, auf die letzten fünf Prozent zu verzichten, weil sie unrealistisch sind und am Leben hindern.
Da gibt es ein Mädchen. Wie für viele andere, ist es für sie überlebensnotwendig, geliebt zu werden. Also beschließt sie in frühester Kindheit, alles zu tun, um die Liebe ihrer Eltern und später der Welt, zu erringen. Sie passt sich den Wünschen ihrer Umwelt an, obwohl diese Eigenschaften ihrem Innersten nicht entsprechen. Sie will lieb sein, sie will gut sein, sie will besser sein. Sie strengt sich an. Sie sucht auf vielen Wegen ihr Gut- und Bessersein. Auf ihrer Suche eignet sie sich unterwegs viele gute Fähigkeiten an und findet Schätze, von deren Existenz sie gar nichts gewusst hatte.
In dem Moment, in dem sie erkennt, dass sie das nicht ist, sondern dass es sich nur um Werkzeuge handelte, ist sie frei.
Der scheinbare Stolperstein, eine Erschwernis, ein Hindernis, eine Bürde kann uns so herausfordern, dass wir Kräfte entwickeln, die uns weit über das hinausführen, was für uns vorstellbar schien.
In unsere Wiege werden viele göttliche Geschenke gelegt. Bei genauerem Hinsehen gibt es dabei gar keine gute und schlechte. Alle werden sie uns aus gutem Grund hineingelegt. Sie haben alle das Potential, sich in Gold zu verwandeln.

#1 by Raimund on Dienstag, 11. August 2009
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Spannende Frage: Ist es wirklich der gesunde Menschenverstand, der einem sagt, auf die letzten 5% zum Perfekten hin hinderten einen am Leben? Ich persönlich bin der Ansicht, es geht nichts über “perfekt” … weil es das einzige ist, was einen wirklich herausfordert, weil es die wirkliche Urkunde ist, einen Traum genau so manifestiert zu haben, wie man ihn vorher kontemplierte. Und wer sagt, dass das leicht ist?
John F. Kennedy meinte dazu: “Wer einmal im Leben mit dem zweitbesten zufrieden war, wird immer wieder mit dem zweitbesten zufrieden sein.”
Mein früherer Chef meinte: “Ich weiß, sie wollen einen Jaguar. Und das ist auch gut so. Aber was spricht dagegen, mit einem VW-Käfer anzufangen?”
So lange ein Kompromiss das einzige Mittel ist, den nächsten Schritt hin zum Perfekten zu machen, ist es ein richtiges Werkzeug, denn es hilft einem dabei, nicht stehen zu bleiben und danach vielleicht sogar zurückzufallen. Wenn aber der Kompromiss nichts weiter ist, als ein fauler Zauber, um einfach den Umstand zu verdecken, dass man müde oder lustlos geworden ist, ist er Gift - und viele sind vergiftet …
Raimund