
Das eigentliche Abenteuer findet im Alltag statt!
„Echt? Kommst du wirklich mit?“
„Klar!“ Ich nickte. „Abgemacht ist abgemacht!“
Das Wetter am darauf folgenden Samstag war herrlich. Kaiserwetter, wie man beim Fußball sagt. Die Stimmung war großartig und gelöst, die Leute auf dem Flugplatz entspannt und in bester Wochenendlaune. Die Maschine, mit der wir gleich losfliegen würden, war ein alter Transportflieger und der Pilot einer meiner Kumpels, der nichts lieber tat, als fliegen - und wenn es nur an Samstagen war. Er wartete schon lange und bislang vergeblich auf eine Anstellung als Pilot.
Der Duft von Kerosin lag über dem Rasen, als ich meine Einweisung bekam. Noch ein bisschen Warten, dann war es Zeit, in die Maschine zu steigen. Im Inneren hatten etwa 50 Leute Platz. Sitzplätze gab es keine, also hockten sich alle auf den Boden. Was auf den ersten Blick wie ein chaotischer Haufen aussah, entpuppte sich dann aber doch als Reihen einer ganz bestimmten Anordnung. Schließlich hob die Maschine ab und stieg in den azurblauen Himmel. Ein wunderbares Gefühl.
Mein Grund, an diesem Ausflug teilzunehmen war einfach: Ich wollte sehen, ob es mir gelingen würde, auch unter extremen und mir unbekannten Umständen bei mir zu bleiben. Ich hatte zunächst nur eine vage Vorstellung davon, was das bedeuten könnte, bei mir zu bleiben, die Aufmerksamkeit nicht auf dem zu haben, was passiert, sondern ganz bei mir - auf meiner Atmung, meinen Bewegungen, meinen Absichten. Aber auf jeden Fall wollte ich es herausfinden.
Ich erinnerte mich an meine Träume, in die ich als kleiner Junge immer eintauchte. Ich erinnerte mich an das Herzklopfen, das ich dabei immer hatte, wenn ich in meiner Fantasie an der Spitze eines Schiffes in wogender See mit dem Schiffsbug frontal in eine Welle eintauchte, die Gischt aufbrandete und feinen Wasserstaub über mein Gesicht versprühte. Es war ein Traum, eine Vorstellung, die ich in dieses Leben mitgebracht hatte. Ich wollte es wild - aber ich war so voller Angst und in der Achterbahn bekam ich keine Luft …
Der Flieger würde etwa 15 Minuten brauchen, das wusste ich. Dann würde die Tür aufgehen, alle würden sich hintereinander einreihen, im Entengang schrittweise zur Tür trippeln und dann aus 4500 Metern Höhe abspringen, hinein in dieses blaue Nichts, vorbei an blendend weißen Wolkenfetzen und im Sturzflug nach unten. Irgendwann würde sich der Fallschirm öffnen und lautlos und langsam würden wir dann zu Boden gleiten.
Dann ging die Tür auf und ich war auf dem Weg zu meinem ersten Tandemsprung. An der Tür angekommen, überprüften wir die Gurte, mein Master nickte mir zu, ich nickte zurück, grinste breit und ab ging der Flug. Meine Aufmerksamkeit war präzise auf der Abfolge der Handgriffe geblieben, jetzt beobachtete ich meine Körperhaltung in der Luft, meine Atmung und einen anderen Kumpel, der uns vorausgesprungen war, um uns mit der Videokamera zu filmen. Es war ein wunderbarer Flug, der schnell vorbei ging und als wir wieder am Boden waren, überlegte ich, dass es eigentlich schade war, nicht viel von diesem Erlebnis mitbekommen zu haben. Es war leicht, die Aufmerksamkeit bei sich zu halten.
Und es war dieser erste Sprung, der mir zeigte, wie sehr ich auf dem Holzweg war. Mein zweiter Sprung, unmittelbar nach meinem ersten, bestätigte meinen Eindruck. Ruhig und fokusiert zu bleiben, auch wenn um einen herum der Teufel los ist, ist leicht. Aber das ist auch nicht das Problem, wenn man seinen Traum leben will!
Als ich noch ein junger Polizeibeamter war, gab es eine feste Regel: Immer, wenn etwas passiert ist, klingelt das Telefon gleich ein paar mal hintereinander. Oder zwei Telefone klingeln auf einmal - und eines nachts klingelten sämtliche Telefone des Reviers gleichzeitig. Von jetzt auf nachher brach die Hölle los. Rocker waren in die kleine Stadt gekommen und liefen randalierend die Hauptstraße hinunter. Mein Chef schickte mich mit einem anderen jungen Kollegen in einem Zivilstreifenwagen los, um die Sache zu erkunden - und ich musste nur um die Ecke fahren, um mitten in den Mob zu kommen.
Siebzig oder achtzig Rocker überquerten die Straße, als ein kleiner Sportwagen anhielt und die Scheibe herunterkurbelte. Ich konnte nicht hören, was gesagt wurde, ich konnte nur sehen, dass der Sportwagen wieder losfahren wollte, der Fahrer beim Anfahren aber den Motor abwürgte. Die Rocker öffneten die Tür des Autos und schossen hinein. Die Leute drinnen schossen zurück. Genau in diesem Moment fuhr ich an dieser Schießerei vorbei. Ich hielt, setzte einen Funkspruch ab, gab durch, was ich gesehen hatte und meldete, dass ich jetzt aussteigen würde - aber gerade in dem Moment, als ich meine Tür aufmachen wollte, kam der Funkspruch von meinem Chef. Er verbot mir per dienstlicher Anweisung auszusteigen und befahl mir stattdessen, sofort weiter zu fahren. Meinen Einspruch unterbrach er und wiederholte den Befehl. Ich gehorchte.
Es folgte eine der wildesten Nächte, die ich je erlebt habe - aber das ist nicht die Geschichte, die ich erzählen möchte. Vielmehr möchte ich von meinem Chef und seinem Stellvertreter erzählen, die sich in den nächsten Stunden am Funk abwechselten. Sie lenkten und koordinierten hunderte von Streifenwagen, die aus allen Gebieten Baden-Württembergs in unsere Stadt eilten und keine Vorstellung davon hatten, wo sie was tun sollten. Beide erledigten ihre Arbeit hochprofessionell, ruhig, ohne zu zögern oder hektisch zu werden. Wie war das möglich?
Sie waren vorbereitet!
Das Geheimnis, große Träume zu verwirklichen, liegt in dem, was man tut, wenn nichts aufregendes passiert! Wenn alles ganz langweilig ist! Das Geheimnis großer Erfolge liegt in der Bewältigung des Alltags. Genau diese Erkenntnis kam mir nach meinem ersten Tandemsprung - als alles vorbei und der ganz normale Alltag zurück gekehrt war. Das ist absolut unspektakulär, aber es ist die Wahrheit!
Im Alltag muss man seine Gefühle lenken, leiten und unter Kontrolle haben. Im Alltag beim Bügeln, beim Aufräumen, beim Einkaufen. Das ist die Zeit, in der man lernen, üben und sich vorbereiten kann, Gedanken und Gefühle unter Kontrolle zu haben, zu leiten und zu lenken - und das ist viel schwieriger, als in Extremsituationen, weil nichts passiert, wenn man es nicht tut!
Mein Traum, am Bug eines kleinen Schiffes in die Wogen zu tauchen, wild und gefährlich zu leben - das sind starke Emotionen. Und starke Emotionen braucht es auch, wenn man große Träume leben will. Aber Gefühle sind Werkzeuge, nicht Ziele! Wir gehen auf den Rummelplatz, um etwas zu erleben, etwas Wildes zu fühlen. Hier sind die Gefühle das Ziel.
Aber wenn man seinen Traum leben will, muss es gelingen, in jedem Augenblick in das richtige Gefühl einzutauchen - unter allen Umständen: Wenn man einen Durchhänger hat, muss man sich von diesem Gefühl lösen. Sofort. Wenn die Wut hochkocht, muss man in der Lage sein, sich schnell davon zu befreien und wieder die eigenen Ziele in den Fokus zu bekommen. Unter allen Umständen. Aber ist es nicht vielmehr so, dass wir eher eine Weile in Selbstmitleid zerfließen, wenn etwas Trauriges auf der Welt passiert ist, statt schnell in ein anderes Gefühl zu schlüpfen? Ist es nicht eher so, dass wir es durchaus genießen können, im Inneren in großem Zorn jemanden richtig rund zu machen, statt dieses Gefühl und das, was es ausgelöst hat, hinter sich zu lassen?
Der Weg zu Gott, und das ist es ja, was es bedeutet, seinen Traum zu leben, wird im Alltag entschieden. In den langen Zeitabschnitten, in denen nichts passiert und man sich völlig in seinen Gedanken und Gefühlen verlieren kann. Das eigentliche Abenteuer ist der Alltag und der Ausgang großer Träume wird hier entschieden.

#1 by Eva on Montag, 20. Juli 2009
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Ja, manchmal gelingen einem Volltreffer - und auch die müssen gut vorbereitet sein.
Danke
#2 by VLC on Donnerstag, 30. Juli 2009
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Gut!