Wir alle sind Träumer und früher oder später stechen wir alle in die große See des Lebens - auf der Suche nach Abenteuer, nach Erfahrungen, nach Freiheit.

Wir alle sind Träumer und früher oder später stechen wir alle in die große See des Lebens - auf der Suche nach Abenteuer, nach Erfahrungen, nach Freiheit.

Sie ist zauberhaft. Braune, hellwache Knopfaugen. Große Ohren - fast so groß wie ihr Kopf. Ihr kleiner Bauch liegt wie eine Kugel in der Hand und wenn man sie an der Backe streichelt, kreischt sie manchmal vor Vergnügen laut auf, schmeißt sich auf die Seite und streckt einem den Bauch hin, damit der auch gekrault wird. Tut man das, dann stemmt sie ihre kleinen Füßchen zwischen sich und die streichelnde Hand, macht eine Drehung um die eigene Achse, landet wieder auf dem Rücken und hält einem erneut ihren kleinen Bauch zum Streicheln hin. Das macht sie ein paar mal, dann drängelt sie einem wieder ihre Backe entgegen, legt ihren kleinen Kopf auf die Hand, damit die Backe nur ja intensiv gekrault wird, dann dreht sie sich wieder auf den Rücken und das Ganze geht von vorne los. Und während all der Zeit schnurrt und quietscht sie vor schierem Vergnügen.  Aber das war nicht immer so!

Vor ein paar Wochen hatte ich eine Besprechung mit einer Geschäftspartnerin, die schon fast auf dem Weg in den Urlaub war.

“Wie machst du das mit der Katze?” fragte ich neugierig.

“Ich habe jemanden, der nach ihnen schaut.”

“Ihnen?”

“Ja, ich hab’ zwei!”

“Zwei,” fragte ich stirnrunzelnd?

Sie nickte.

“Stell dir vor, du bist in einem fremden Land. Es geht dir gut, du kriegst regelmäßig zu essen, da gibt es auch fremdartige Wesen, die sich um dich zu kümmern scheinen, ab und zu spielen die auch mit dir, aber egal wie gut es dir geht, du hast niemanden, mit dem du reden kannst!”

Ich schluckte trocken.

“Und ganz egal, wie du mit deiner Katze spielst,” fuhr sie fort, “du kannst ihr nicht ins Regal folgen  oder unter den Schrank. Sie macht ein oder zwei Sätze, dann ist sie weg. Du kannst ihr nicht hinterher - und für sie ist das Spiel schon zu Ende.”

Das traf mich hart. Unser Felix war bei uns zu Hause vielleicht zufrieden - aber im Grunde … alleine!

Der Familienrat tagte:  Eine zweite Katze muss her.  Am besten eine ganz junge, so dass Felix, unser zweijähriger Kater, auf Grund seiner Beschützerinstinkte, die neue Gefährtin auch zulassen kann, ohne dass sie sich gegenseitig die Augen auskratzen. Wir ließen diese Nachricht in unserem Bekanntenkreis durchsickern. Üblicherweise dauert es dann nicht lange, bis das Telefon klingelt und irgend jemand am Apparat sagt: “Ich habe gehört, Sie suchen eine Katze?”

Letzten Samstag holten wir unsere kleine Lissi.  9 Wochen alt. Ein süßer Fratz.

Als wir mit ihr bei uns zu Hause ankamen, zeigte ich ihr zuerst das Wichtigste: Die Katzentoilette! Dann ließ ich sie los. Wie ein Blitz sauste sie an unserem grade aufgewachten Felix vorbei unters Bett und blieb dort für lange Zeit mucksmäuschen still sitzen. Als sich zwei Stunden lang nichts tat, legte ich mich vors Bett und rief geduldig immer wieder nach ihr. Endlich lugte ihr kleines Köpfchen hervor und Lissi kam näher.

Ich nahm sie auf den Arm, aber sie zappelte sich frei und raste ins Zimmer unseres Sohnes, um dort unterm Bett und hinter einer Burg von Fußbällen verschanzt, reglos zu verharren. Gar keine Frage, sie hatte furchtbare Angst.

Ich ließ ihr eine Stunde, bevor ich sie wieder hervor lockte und kaum, dass ich sie auf dem Arm hatte, setzte sie wieder Himmel und Hölle in Bewegung, sprang runter und sauste … wieder ins Schlafzimmer unters Bett. Und dort blieb sie auch die Nacht über.  Ab und zu rollte ihr Knurren durchs Zimmer oder ein Fauchen, als Zeichen, dass Felix ihr zu nahe kam.

Am nächsten Tag lockte ich sie wieder unterm Bett hervor und zeigte ihr, wo das Futter stand - sie musste einen mörderischen Hunger haben.  Aber kaum, dass ich sie auf dem Boden absetzte, gleiches Spiel, gleiches Ergebnis:  Vollgas ins Schlafzimmer unters Bett.  Irgendwann nahm sie ihren ganzen Mut zusammen, tippelte leise über den Flur zum Futter, haute sich in Windeseile ihren kleinen Bauch voll und rannte wieder zurück ins Schlafzimmer unters Bett.

Aber, dieser Ausflug schien ihre Neugier geweckt zu haben.  Nach und nach kam sie endlich ganz von selbst unterm Bett hervor und begann, die neue Welt zu erkunden. Erst mal nur ums Bett herum, raus zur Toilette oder zum Futter und dann schnell wieder zurück und abwarten.  Dann wieder ums Bett herum, dieses mal in einem größeren Kreis.  Dann auch über die Fensterbank.  Und immer, wenn Felix kam, Knurren und Fauchen.

Katzen erinnern sich über ihren Geruchssinn. Deshalb sind sie darauf angewiesen, einerseits ihre Duftmarken zu setzen und andererseits, eine Zeit lang immer die gleichen Routen abzulaufen, so dass ihr Duft nicht verschwindet, bevor sie ihn erneuert und eine vollständige Karte ihres Reviers in ihrem Gehirn angelegt haben.

Das war eine faszinierende Woche, zu beobachten, wie die Kleine ihr Reich in kleinen, überschaubaren Schritten eroberte. Auf Gefahr reagierte sie entweder mit Flucht unters Bett oder mit Fauchen und Knurren - dann jedenfalls, wenn Felix kam.

Als sie schließlich das Schlafzimmer weitgehend unter ihre Kontrolle gebracht hatte, begann sie, den Flur zu erobern.  Schrittweise ließ sie sich auch immer mehr auf Felix ein und folgte ihm auch mal ins Wohn- oder Kinderzimmer, - aber immer begann sie ihre Ausflüge im Schlafzimmer.

Wir Menschen sind genauso. Ohne es zu wissen, sitzen viele “im Schlafzimmer unterm Bett.” Es ist ihr Platz.  Sie kennen ihn und glauben, die dort lauernden Gefahren einschätzen und beherrschen zu können.  Manche Menschen sind mutiger, andere ängstlicher und wieder andere wollen ihr kleines Schlafzimmer gar nicht nicht verlassen, aber irgendwann müssen alle da raus - und sei es nur, um ans Futter auf dem Flur zu kommen.

Dann beginnen wir erst mal mit kurzen Ausflügen. Mal sehen, wie das mit dem Wind geht und wie lange der Proviant hält. Dann werden wir mutiger, zeichnen Karten von unserem Gebiet, vermessen, und markieren, wo wir Schätze gefunden haben und wo wir noch mehr vermuten.  Unsere Welt wird größer, unsere Träume verwegener.

Wir sind alle Träumer und früher oder später stechen wir mit dem Schiff unserer Talente und Interessen in die große See des Lebens - auf der Suche nach Abenteuer, nach Erfahrungen, nach Freiheit. Der scheinbar sichere Ort unterm Bett im Schlafzimmer ist zu einem Gefängnis geworden, dem wir entkommen wollen, aber im Grunde sind wir auf der Suche nach uns selbst - über unsere Grenzen!

Wir überwinden physische Grenzen und reisen zum Mond. Auf dem Weg dorthin stürmen wir unsere emotionalen Barrieren und lernen, unsere Ängste zu überwinden, Risiken einzugehen und Verluste hinzunehmen. Dabei stoßen wir auf immer neue Möglichkeiten, mit Dingen oder Umständen umzugehen, die uns fremd waren oder Angst gemacht haben - und überwinden dadurch die Barrieren im Denken. Schließlich lassen wir sogar den Bereich der Gedanken hinter uns. Wir haben gelernt, uns und unserer inneren Stimme zu vertrauen. Wir haben herausgefunden, wann es unsere innere Stimme ist, die ruft und der wir folgen und wann es die Stimme unserer Angst, unserer Gier oder unseres Zorns ist.

Wenn wir schließlich die Bereiche des Körpers, der Gefühle und des Denkens hinter uns gelassen haben,  sind wir plötzlich geworden, was wir immer waren: Frei!  Wir entdecken, dass wir Seele sind, unabhängig von Körper, Emotionen oder Gedanken. Wir sind Seele und leben in einem Körper auf diesem oder einem anderen Planeten. Und wir leben hier, um genau diese Reise zu machen - die Reise zu uns selbst in unsere ursprünglichste Heimat.

Gute Reise!