apfelsine

In Träumen sind immer Symbole versteckt. Soviele, dass man sie oft übersieht - gerade, weil es so viele sind.

Ich weiß nicht wie das heute ist, aber wenn man früher die Mandeln entfernt bekam, zu meiner Kinderzeit, hieß das vor allem Eis essen!

Wie auch immer, als ich etwa 5 Jahre alt war, sollten bei mir die Mandeln raus  - und ich kann heute noch den Arzt sehen, wie er eine Spritze mit einer sehr langen Nadel in meinen Mund führt … Meine Eltern hatten mich in den Tagen davor mit eben diesen Gerüchten über  viel Eis essen geködert, doch zu meinem größten Bedauern gab es zwar täglich Eis, aber in sehr bescheidenen Mengen!

Die Tage in der Klinik waren endlos, die Besuchszeiten strikt und Langeweile ein häufiger Gast.  Letzteres allerdings nie lange.  Fast immer trug mich meine Fantasie schnell wieder in andere Welten, die es zu durchspielen galt.

Eines Tages hing ich an der Treppe rum und träumte vor mich hin.  Ohne Absicht war ich ein paar Stufen hinunter getappt und ließ schließlich meinen Blick über den unter mir liegenden Flur gleiten.  Es war Sommer, heiß, die Leute hatten Fenster und Türen offen stehen und gierten nach einem Luftzug.

Dann sah ich sie.

Für einen Augenblick lang erschien sie mir wie ein Engel.  Seitlich aufgerichtet lag sie im Bett.  Ein Mann saß bei ihr, aber für diesen einen magischen Moment lang schien sie nur Augen für mich zu haben … und dabei lächelte und strahlte sie mich an.  Es wirkte, als würde hinter ihr die Sonne aufgehen und sie mit hellweißem Licht überfluten.  Ihr ausgestreckter Arm hielt mir eine funkelnde, orange leuchtende, wunderschöne Apfelsine entgegen.  Wie in Trance kam ich die Treppe herunter, nahm die Frucht in meine Kinderhände, schaute dem Engel in die Augen, nickte kurz und verlegen und sauste dann wie ein Blitz zurück nach oben in mein Zimmer.

Eine Apfelsine!  Ganz für mich alleine!

Ich setzte mich auf mein Bett und - mein Gott, nach all den Jahren sehe ich diese Szene noch so klar vor mir, als würde sie jetzt gerade passieren!  Mein kleiner Daumen grub sich in die Schale und löste sie vom Fruchtfleisch.  Der Duft, der in meine Nase strömte, war unbeschreiblich - glauben Sie mir, mir läuft jetzt genau wie damals das Wasser im Mund zusammen.  Ich löste zwei Rippen der Frucht, steckte sie in den Mund und zerbiss die Stücke.  Der Saft spritzte auf, vermischte sich mit den Säften in meinem Mund und mit genussvoll geschlossenen Augen schluckte ich alles zusammen hinunter.

Dann holte mich der Teufel!

Eine halbe Sekunde später brach in meinem Rachen ein Feuer aus - so wild und leidenschaftlich, dass ich kaum noch Luft bekam.  Der Schweiß brach mir am ganzen Körper aus und der Schmerz war so überwältigend, dass ich nicht mal schreien konnte. Ich ließ mich, gelähmt von Entsetzen und mit weit aufgerissenen Augen aufs Bett sinken.  Selbst weinen konnte ich nicht.  Von einer Sekunde auf die andere war ich aus dem Himmel in die tiefste Hölle gefallen.  Es war grausam.  Irgendwann, als der Schmerz endlich nachließ, ließ ich die Orange erschöpft in den Mülleimer fallen und sank in einen tiefen Schlaf.

Vor ein paar Jahren traf ich auf zwei interessante Geschäftsleute, die mir ein sehr interessantes Projekt vorstellten.  Der Einsatz war überschaubar, die Gewinnaussichten gar nicht übel, die Nische, in die wir hineinwollten, schien gut durchdacht und der Plan wirkte ausgereift.  Für mich war das vielleicht die lang erhoffte Chance auf einen richtigen Umsatzsprung.  Wir besprachen die Details in meinem Lieblingsrestaurant und genossen einen fantastischen Abend.  Schließlich kam die Kellnerin mit einem schönen Gruß aus der Küche.

Mein Freund Herbert, der Inhaber, verwöhnte mich öfter mal.  Manchmal mit einem Dessert, das er sich ausgedacht hatte, manchmal mit einer speziellen Eselssalamie, die er irgendwo aufgegabelt hatte, manchmal mit einem aufregenden Käse, der es ihm angetan hatte.  Vielleicht sollte ich erwähnen, dass Herbert und ich eine Zeitlang gemeinsam in der Küche gestanden und gekocht hatten.  Er als mein Chef …

An diesem Abend brachte mir die Kellnerin eine makellose, orange leuchtende Apfelsine - biologischer Anbau, am Baum gereift und schnell eingeflogen.  Der Anblick war ein offenes Fenster mit Blick in den Himmel.  Es war, als ob mir ein Engel einen wundervollen Gruß direkt von Gott schickte - und mich an diesen Moment erinnerte, als ich als kleiner Junge nach der Mandeloperation die Apfelsine gegessen hatte.

Ich nahm die Frucht und die Botschaft an, genoss die Apfelsine und lehnte das Geschäft ab.  Vielleicht vorschnell - ich weiß es nicht.  Ich habe nie wieder von den beiden gehört.  Wer weiß, vielleicht ist mir damals ein riesiges Geschäft durch die Lappen gegangen, vielleicht war es eine Gaunerei - aber mein Gefühl erzählte mir, die Finger davon zu lassen.  Für mich war die geschenkte Apfelsine eine Botschaft des Himmels, die Finger von diesem Geschäft zu lassen.

Unsere Träume sind immer voller Symbole.  So viele, dass man sie oft deshalb übersieht, weil es so viele sind.  Aber manche prägen sich ein.  In diesem Falle war es meine überaus schmerzhafte Erfahrung als Kind mit einer geschenkten Orange und dem unbeschreiblichen Schmerz, der nach dem unbedachten Genuss folgte.  Als dieser Gruß aus der Küche kam, schrillten meine Alarmglocken - und ich hörte auf meine innere Stimme: Eine geschenkte Orange kann manchmal einen großen Schmerz ankündigen

Vielleicht halten Sie das für Aberglauben.  Ich für meinen Teil habe mir ein kleines aber feines Lexikon meiner Traumsymbole angelegt.  Das sind Symbole, die nur für mich in bestimmten Situationen eine bestimmte Aussage machen.  Mir hilft es, durch meine Träume zu navigieren … nur: Gelegentlich muss man überprüfen, ob sie noch ihre Gültigkeit haben …