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Manche Träume verwirklichen sich einfach - auch wenn es bis dahin ein bisschen rumpelt

Mein dementer Vater sollte 90 Jahre alt werden. Grund genug, um sich lange davor gründlich Gedanken zu diesem Festtag zu machen. Meine Mutter hatte sich in der letzten Zeit angewöhnt, bei wichtigen, aber auch unwichtigen Problemen , die Meinungen von relativ vielen Familienangehörigen einzuholen. Da wird dann wie wild in der Welt herumtelefoniert, um noch eine Meinung einzuholen, die dann wiederum mit dem aktuellen Gesprächspartner erörtert wird.  Dabei entstand ein grandioses Kuddelmuddel, aus dem heraus meine Mutter schließlich verkündete: “Nur drei Personen sprachen sich dafür aus,  dass die Stadt Baden-Baden unserem Papa an seinem Geburtstag offiziell gratuliert, alle anderen waren dagegen.” ( Ich gehörte zu den Fürsprechern nach dem Motto:Wenn schon, denn schon). Ja, es muss bei meiner Mutter durchaus demokratisch zugehen.

Trotz dieser geklärten Angelegenheit, kam sie aber  immer wieder auf den Punkt null zurück und fragte sich und alle Anderen:” Ja, sollen wir denn wirklich diesen Geburtstag von Papa feiern? Er kriegt das doch alles gar nicht mit?  Für wen feiern wir eigentlich diesen Geburtstag ?”  ” Nun, Papa lebt doch und er war  eine sehr wichtige Person für uns. Lass uns für uns selbst  feiern und daran denken, was für wunderbar schöne Zeiten wir mit ihm verleben durften und auch noch immer dürfen”, antwortete ich regelmäßig auf diese Anfrage.

Dass wir feiern wollten, war schließlich abgemacht, - aber  wie sollten wir  feiern?  Im Festsaal des Altersheimes? In einem Hotel? Bei uns zu Hause?

Ich erinnere mich an immer schönes Wetter an seinem Geburtstag und hatte gleich zu  Beginn ein inneres Bild. Dabei sitzen wir im Garten vor dem Apartment meiner Eltern im Altersheim und trinken bei Sonne und Wärme und Heiterkeit Kaffee.

Dafür machte ich mich stark und war auch bereit, alles zu organisieren (zusammen mit meinem Mann natürlich). Wir erstellten eine Gästeliste und dabei stellte sich heraus, dass es Menschen im Altersheim gab, die unbedingt ebenfalls eingeladen werden mussten (meinte meine Mutter). Arglos unterstützte ich ihre Wünsche, in der Meinung, dass unsere Familie ohne weiteres einige Freunde meiner Mutter verkraften könnte. Dann waren es plötzlich fünfunddreißig Gäste  und außer Kaffee und Kuchen sollte es Aperitif und Häppchen, Gegrilltes und Salate geben. Und natürlich können sich ältere Menschen nicht mit einem Teller in der Hand irgenwohin setzen. Aber wie sollten denn so viele Menschen in dem kleinen Garten Platz finden?  Und so ging es gerade weiter. Es gab viel Ärger mit den Erwartungen und Vorstellungen  meiner Mutter,  ihrer Hilflosigkeit  und ihr Angewiesensein auf Andere aufgrund ihres hohen Alters und der Bereitschaft unsererseits, aus dem schlichten, kleinen, netten Fest eine so anspruchsvolle Einladung zu meistern. Am meisten war ich auf mich selbst wütend, weil ich alles angeschubst hatte.

Es gibt Steigerungen.

Meine Schwester aus Amerika reiste vier Tage vorher mit ihrem Mann an, wollte hilfreich sein, brachte aber alles noch mehr durcheinander.

Und dann der Wetterbericht. Stimmt er oder stimmt er nicht? Wie wird das Wetter am Samstag werden?

Und dann kam der Samstag und mit ihm das schönste Wetter des Jahres. Die Tische standen in einem großen  V  mitten im Garten und boten 35 Menschen Platz und waren wunderbar dekoriert. Papa war ebenfalls herausgeputzt und saß auf seinem mit grünen Zweigen geschmückten Sessel.  Die Gäste kamen zu ihm und gratulierten ihm und jedesmal bedankte er sich freundlich und konnte sogar  den Namen der Person wiederholen.

Er war so würdig.

Es gab wunderschöne,  liebevolle Reden von einer Tochter, Enkeltochter und einem Urenkel. Und dann sangen wir alle seine Lieblingslieder. Die Lieder vom Soldat fallera, von der klappernden Mühle und vom Wandersmann und die jüngeren Kinder führten ein kleines Singspiel auf.  Alle Gäste und Helfer hatten eine kleines, rundes Foto von ihm am Revers und so war allen klar, dass wir mit ihm zusammen sein Fest feierten.

Und nach dem Essen gab es wirklich Kaffee und Kuchen im Garten  am schönsten Tag des Jahres.  Mein Traum hatte sich erfüllt.