Flische Blötchen

Schmetterling

Was, wenn man plötzlich bemerkt, sich festgefahren zu haben und in einer Sackgasse zu stecken?  Was, wenn sich die Hoffnungen mit einem Schlag in Luft aufgelöst haben?  Ich weiß nicht, ob es dafür ein Patentrezept gibt, aber ziemlich sicher nutzt es nicht viel, wenn man den Kopf hängen lässt.

Hier die Geschichte, die meiner Frau und mir passiert ist:

Wir betrieben damals – das ist schon viele Jahre her – ein kleines Ladenkiosk.  Geöffnet war täglich von 6 Uhr bis 22 Uhr.  Das Geschäft lief schlecht und es dauerte nur zwei Jahre, bis wir vor lauter Erschöpfung den Laden verkaufen wollten.

Wieviel war so ein Laden wert?

Wir hatten keine Ahnung.  Wir rechneten unseren eigenen Kaufpreis, addierten Warenbestand und einen kleinen Gewinn für uns und fertig war der Preis.  Soviel, dachten wir, sei unser Laden wert.

Dachten wir jedenfalls.  Allerdings: Wieviel etwas wert ist, entscheiden Sie, aber wieviel Geld Sie dafür bekommen, entscheidet eher der Käufer … wenn Sie denn einen haben!

Wir inserierten den Laden in der Zeitung. Hin und wieder rief auch jemand an, aber wirkliche Interessenten waren es nicht. Einmal war jemand da, der sich halb tot lachte als er unsere Preisvorstellung hörte.

Das Wasser stieg uns langsam bis zum Hals, die Müdigkeit verwandelte uns schrittweise in Zombies – und dann endlich, ein Anruf, ein Termin und, tataa, ein echter Interessent.

„Ich kenne den Laden,” sagte er.  „Den wollte ich vor zwei Jahren schon pachten, aber Sie waren damals wohl schneller. Zwischenzeitlich hatte ich einen Laden in Stuttgart, der lief aber nicht gut, also hab ich ihn verkauft und bin wieder zurück nach Hause. Wieviel, sagten Sie, wollen sie dafür haben?”

Ich schluckte trocken, nannte die Summe, er nickte und sagte „ja, das ist fair…”

Unglaublich, wie einfach etwas sein kann – und wie befreiend!

Wir vereinbarten einen Termin für die folgende Woche und nach dem er gegangen war, tanzten meine Frau und ich durch den Laden.

Mein Gott!  Das war wie der erlösende Sommerregen nach einer langen Dürre. Zwei Jahre Langeweile, Müdigkeit und Erfolglosigkeit waren zu Ende.

Erstens kommt es anders …

Der Termin in der folgenden Woche kam. Wer nicht kam, war der Interessent.

Ich wartete eine Stunde, bevor ich bei ihm anrief, aber es meldete sich niemand. Also fuhr ich zu ihm nach Hause.  Als ich vor seinem Haus stand und klingelte, rief jemand von der anderen Straßenseite herüber, wo ein paar Leute beisammen standen:

„Suchen Sie jemanden?”

Ich nannte den Namen.

„Hat er ‚was von ihnen gekauft?”  fragte mich ein älterer Herr, „das macht der nämlich dauernd.  Da steht jede Woche einer vor der Tür und will was von ihm.  Der ist ein bisschen meschugge, wenn Sie verstehen was ich meine – nicht ganz dicht im Kopp … der ist auch öfter mal in der Klapse …”

Die Farbe wich aus meinem Gesicht und ich glaube, ich fing vor Wut und Enttäuschung an zu zittern.  Was jetzt?  Alle Hoffnungen, den Laden wegzukriegen, lösten sich in Luft auf und ich will ehrlich zugeben, dass ich drauf und dran war, alles hinzuschmeissen.

… als man zweitens denkt!

Nach zwei Tagen riss ich mich wieder zusammen.

„Weißt du was?” sagte ich zu meiner Frau, „wir machen das falsch! Wir wollen den Laden loswerden – aber es muss umgekehrt sein: Jemand muss den Laden von uns haben wollen!  Wir müssen unsere Einstellung ändern! Wir müssen vieles ändern!”

Ich hatte endlich akzeptiert was ist und versuchte, das Beste draus zu machen. Vielleicht würden wir Pleite gehen – naja, dann war das halt so.  Aber vielleicht auch nicht …

Wenn du nicht lächeln kannst, wozu hast du dann ein Geschäft?

… sagt ein altes chinesisches Sprichwort – also ließ ich meiner Kreativität freien Lauf!

Als erste Maßnahme schlossen wir den Laden wenigstens an einem Tag ab dem Mittag.  Ich wechselte den Bäcker und stellte draußen ein Schild auf: „Achtung! Flische Blötchen!“  Es machte einen riesigen Spaß, den Leuten zuzuschauen, wie sie manchmal wie angenagelt stehen blieben, kurz grübelten, dann wieder zum Schild zurück gingen und lachten. Und mit dem Lachen kam die Liebe wieder in mein Leben. Und mit der Liebe die Zuversicht.

In nur einem Monat steigerte sich mein täglicher Brötchenabsatz von 30 auf 200.  Davon alleine hundert belegte Brötchen mit Schinken – die morgens um kurz vor neun ausverkauft waren. Wir hatten früh morgens so viel zu tun, dass für Trübsal keine Zeit mehr war.

Dieser eine Interessent, der sich über unsere Preisvorstellung halb tot gelacht hatte, war der Ansicht gewesen, ich sei viel zu teuer. Also senkte ich den Preis ganz bestimmter Artikel, deren Absatz sich daraufhin erst verdoppelte, dann sogar viervierfachte. Ich verdiente zwar pro Verkauf weniger, dafür verkaufte ich deutlich öfter! Mit mehr Absatz kamen mehr Kunden und mit mehr Kunden kamen mehr Gewinn und mehr Spaß. Die Müdigkeit wich der Begeisterung, Trübsal wich der Kreativität, und die Furcht vor der Pleite wich Mut und Zuversicht.

Ich nahm noch Obst und Gemüse ins Sortiment.  Und dann noch Blumen. Mein Laden brach fast auseinander und ich brauchte dringend mehr Fläche – jetzt war der Zeitpunkt gekommen, zu verkaufen!

Ich inserierte erneut und sofort erschien ein ernsthafter Interessent. Er kam vorbei und schaute sich um – ich hatte kaum Zeit für ihn.  Er kam noch dreimal und jedesmal war mein Laden brechend voll – er wollte den Laden unbedingt haben!  Wir vereinbarten den Kaufpreis und er bezahlte.  Ganz ohne Probleme. So wie es sein soll. Und ich bekam genau den Preis, den ich ursprünglich wollte.

Vielleicht glauben Sie, es ging hier um eine Lektion, wie man was verkauft?  Sie irren sich!  Mein Nachfolger war mit dem Geschäft gar nicht zufrieden und schnell blieben mehr und mehr Kunden weg. Schon nach einem halbem Jahr(!) beschloss er, zu verkaufen. Er inserierte, ein Interessent kam – und zahlte ihm doppelt so viel(!!!), als er zuvor mir bezahlt hatte!  Zack zack!

Nein, die Lektion für mich bestand darin, mein Glück nicht von Umständen abhängig zu machen, sondern von meinem Blick in die Zukunft! Ich sollte lernen, meinen Blick nach vorne zu richten und nicht auf die Vergangenheit, auf mein Glück und nicht auf den Schmerz – darauf, einfach weiter zu gehen.

Ich bin davon überzeugt, dass man zuerst im eigenen Inneren aufräumen muss. Die Änderungen im äußeren Leben werden folgen!

In Category: Stories

Raimund Kohl-Füchsle

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